„ich habe gedacht“


Ich schreibe gerne Kolumnen. Irgendwann einmal, kam ein Zeitungsmensch auf die glorreiche Idee, dass ich Kolumnen für seine Zeitung schreiben sollte. Ich war jung und brauchte das Geld. Der Zeitungsmensch gab mir ständig Themen vor, ich sollte Kolumnen daraus machen und hatte schnell die Lust an der Plattheit der Vorgaben verloren.

„Ich habe gedacht, Sie können das!“

Da war es, dieses „… ich habe gedacht …“ und legte mich in Fesseln. Mit diesem „… ich habe gedacht …“ versuchen andere Menschen doch nur, die Verantwortung abzugeben. Ich, für meinen Teil, habe damals gedacht, dass der Zeitungsmensch, wenn er schon so denkerisch begabt ist, seine Kolumnen auch selbst schreiben kann.

„Ich habe gedacht …“, die Formel die täglich, stündlich und immerdar meine freie Entfaltung einschränkt.

Restaurant. Endlich mal wieder eine willige Frau, die ich mit der Einladung zum teuren Essen um ihre letzte Zurückhaltung bringen will. Der Ober kommt, schüttet ihr den Kaffee in den Ausschnitt und entschuldigt sich mit den Worten „ich habe gedacht, dass …“.

Wer jetzt denkt, die Lady würde ihr Kleid zum trocknen ausziehen und ich in die Lage komme, die Situation geschlechtlich auszunutzen, der irrt. Eine kaffeebeschüttete Frau stöhnt inbrünstig über ihr ruiniertes Kleid und Frisur und nicht in Erregung unter meinen Händen. Das ist meine Erfahrung … und wer das Gegenteil dachte, der ist auch so einer von den, die so gerne „… ich habe gedacht …“ über mir ausschütten.

Ein paar neue Schuhe sind fällig. Ich rausche in den Laden, sehe mich um, finde nur Schuhgrößen bis 44 und suche eine Verkäuferin. Da, hinten in der Ecke, ganz versteckt und innig diskutierend mit einer Kollegin, entdecke ich die Gesuchte. Ich spreche sie an: „Entschuldigen Sie bitte … können Sie mir helfen …“

Irrsinniger kann eine Situation nicht sein. Ich bin potentieller Umsatzbringer und entschuldige mich dafür, dass mir der Weg zum Umsatz durch Nichtfindung einer passenden Schuhgröße verwehrt wird. Lieblich lächelt mich die Verkäuferin an, öffnet ihre wohlgeformte Lippen und sagt: „ich habe gedacht, sie wollen sich vorher umsehen …“. Da haben wir es wieder, sie hat gedacht.

Die Worthülse „… ich habe gedacht …“ ist ein Ärgernis. Denken ist grundsätzlich nicht schlecht. Aber so oft wie diese Hülse Verwendung findet, scheint das Denken ein sehr erfolgloses Unterfangen zu sein. Ob Denken erlernbar ist und all die Worthülsenverwender Lehrlinge sind? Millionen von Lehrlingen?

7 Antworten zu “„ich habe gedacht“”

  1. Kirschrot Sagt:

    Du schreibst mir aus der Seele!
    “Ich habe gedacht …”
    Mein Lieblingssatz! Der mir vor allem und ärgerlicherweise immer wieder im Berufsleben unterkommt.
    Unmöglich ihn auszuradieren. Er sitzt fest in den Köpfen meiner lieben Mitmenschen, wie ein Pfropfen versiegelt er den Zugang zum Hirn. Geistige Ergüsse eingeschlossen – ausgeschlossen.

    Ich hab gedacht, ich bin mit meiner Satzallergie alleine ;-)

  2. ka-el Sagt:

    eigentlich ist der Satz “ich habe gedacht”, in mind. 99% aller Faelle, nur eine verkuerzte Ausdrucksform. Richtig wuerde es heissen:”Ich habe NICHT gedacht” und damit erklaert sich ja dann auch der Rest!

  3. aebby Sagt:

    Einer der Sätze in denen Wortlaut und Bedeutung sich entgegenstehen, hätte ich nachhaltig gedacht hätte ich nicht sagen müssen “Ich habe gedacht”

    Jetzt sind wir schon zu dritt.

  4. Tilla Sagt:

    Nummer 5 lebt ;)

    Allen ist das Denken erlaubt. Vielen bleibt es erspart.

    Curt Goetz (1888-1960)

  5. Kirschrot Sagt:

    Eigentlich – gehört “eigentlich” auch mit auf die Liste ;-)

  6. trout Sagt:

    *lach* das mit dem “eigentlich” ist doch eine schöne Erweiterung der Worthülse.

    Lasset uns gemeinsam anstimmen: ” … EIGENTLICH HABE ICH NUR GEDACHT!”
    Hört Ihr, wie wunderbar das Echo zurückschlägt, könnt Ihr vernehmen, wie wundervoll vielstimmig immer neue Rufer in den Chor einfallen.

    Aua, ich scheine heute ein wenig böse zu sein.

  7. “besinnlich” das Weihnachtswort. « Kaelart’s Weblog Sagt:

    [...] wären. Das mit dem “Denken” und dem “gedacht haben”, das hatten wir hier schonmal, weshalb ich es nicht wiederholen [...]

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