Leni Riefenstahl – gefeiert und beschimpft
Nuttenkunst. Gerade habe ich eine E-Mail bekommen, in der ich beschimpft werde, dass ich unmoralische Dinge in Bildern zeige. Ich sei ein Hurenbock, so beschreibt mich dieses beschimpfende Wesen. Danke für den Hinweis! Unter Nutten und Zuhältern habe ich Freunde gefunden, die mir solche Grobheiten nicht an den Kopf werfen. Bürgerliche Scheinheiligkeit erregt bei mir Übelkeit. Selbstgerechte Sittenwahrer sind in meinen Augen der letzte Dreck. Mehr will ich zu dieser Beschimpfungsmail nicht sagen. Fotografen zeigen die Welt, wie sie sich im Moment der Aufnahme darbietet. Manchmal sind es gnadenlose Dokumentationen, manchmal Verherrlichungen. Die Verherrlichung des Menschen ist heute ein schwieriger Begriff. Unvermittelt steigt in Gedanken Leni Riefenstahl auf, der genau diese Menschenverherrlichung und das Festhalten des zum Zeitpunkt der Aufnahme vorliegenden Lebensgefühls und Zeitverständnis zum Verhängnis wurde.
Leni Riefenstahl wurde 1902 in Berlin geboren, studierte Malerei und begann ihre Karriere als Tänzerin. Eine Knieverletzung brachte die berufliche Wendung zur Schauspielerin, Filmregisseurin, Filmproduzentin und Fotografin. Somit finden wir, wie so oft in der Fotografie, ein echtes Multitalent. Genau diese mehrfachen Veranlagungen waren Segen und Fluch, weil sie begeisterungsfähig und kreativ war. Als 1934 die nationalsozialistischen Machthaber ihren Reichsparteitag in einer Filmdokumentation von Riefenstahl verewigen wollten, schuf sie ein Machtepos, dessen Verherrlichung des Arischen Herrschermenschen sie antrieb, nach immer neuen Dimensionen und Perspektiven zu suchen. Den Gipfel dieser Verherrlichung stellen wohl die beiden Olympia-Filme „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ dar. Riefenstahl folgte ihre Begeisterung für das Große und Schöne des Menschen und grub sich somit die Falle, in die sie nach Zusammenbruch des 3. Reichs fiel.
Da Leni Riefenstahl in sich immer unruhig war, genügte ihr nicht die Regie und der Film, sondern das begleitende Medium Fotografie ließ sie zur Meisterin aufsteigen. Ihre Aufgabe, ihr Wille zur Botschaft, ihre eigene Begeisterung und das Sehen und Begreifen des Schönen machte sie zur Fotonutte eines menschenverachtenden Regimes. Kunst und Wahnsinn vereinten sich im Werk von Riefenstahl zu einem explosiven Cocktail des manipulierenden Bildes, das bis heute ein Lehrstück der Möglichkeiten und Gefahren in der Fotografie darstellt. Kein Fotograf darf diese manipulative Kraft und Macht unbeachtet lassen. Do it now, worry about later, sang James Brown einmal. Leni Riefenstahl tat dies ohne nachzudenken, und musste mit den Folgen leben. Auch nach dem Krieg tat sie genau das wieder. Bezüglich ihrer Kunst war sie unbelehrbar, auch wenn sie an der Einsicht litt, für Hitler-Deutschland einen Hurenjob erledigt zu haben. Trotzdem stand sie zu dem, was sie in Bildern festgehalten hatte. Sie konnte Kunst und Ausnutzung durch Dritte trennen – ihre Kritiker konnten es nicht. Leni Riefenstahl wurde gefeiert, beschimpft, vor Gericht gezerrt, verfemt und zur Unperson. Das Volk, das ihr im 3. Reich zu Füßen lag, war es dann, das sie nach dem 2. Weltkrieg ablehnte und ausgrenzte. Leni Riefenstahl blieb jedoch Leni Riefenstahl, versteckte sich nicht und suchte weiter nach Perspektiven des verherrlichungswürdigen Menschen, bis sie kurz nach ihrem 101. Geburtstag in der Nähe von München starb. Für mich ist sie das beste Beispiel in welchem Spannungsfeld Fotografen leben, wenn sie ihren Aufträgen und Perspektiven folgen. Nuttenkunst und bürgerliche Scheinheiligkeit.
[home]
Tags: Bürgerlichkeit, Fotografie, Hurenjob, Leni Riefenstahl, Meister, Nationalsozialismus, Nuttenkunst, WW2
26. November 2008 at 11:01
Immer wieder verwunderlich: anscheinend klicken manche Menschen deinen Blog durch, um sich dann extra aufregen zu können.
Interessanterweise schreibt aber anscheinend niemand an die, die wirklich Scheinheiligkeit betreiben und die Moral untergraben. Oder haben Regierungsstellen und kirchliche Würdenträger einfach bessere Firewalls und Spamfilter als du installiert?
26. November 2008 at 12:31
Erregung und öffentliches Ärgernis.
Leider ist es zur Sitte in unserer Gesellschaft geworden, daß sich Menschen erregen müssen. Wenn sie keine anderen Felder finden, dann wird eben die Moralfahne rausgehängt. Aber wie das Beispiel Leni Riefenstahl zeigt, ist dies keine neue Erscheinung. Und eine Lehre ist daraus zu ziehen: ein Makel läßt sich nicht abwaschen und bleibt für lange Zeit. Selbst wenn man 100 Jahre und älter wird. Damit müssen wir alle leben, egal ob es uns gefällt oder nicht.
26. November 2008 at 13:52
Gerade bei Mitläufern/Profiteuren/Duldern des dritten Reichs ist die Grenze zwischen gerechtfertigter/geheuchelter/übertriebener Erregung sehr dünn. Niemand kann in die Gedanken anderer Menschen hineinschauen – deshalb (oder gerade darum) ist es umso nötiger, seinen eigenen kritischen Blick in diesen Belangen zu schärfen und zu bewahren.
Deutlich dümmer ist natürlich die Erregung über künstlerische Arbeiten, die nicht dem Mainstream entsprechen. Hier Beschimpfungen abzulassen, um sich selbst die eigene (scheinbare, im wahrsten Wortsinn) Integrität zu beweisen ist einfach nur menschlich schwach.
Schade, dass einem das selbst etwas Zeit und Energie raubt, weil es ja doch nicht sooo egal ist und kalt lässt.
26. November 2008 at 17:50
… nun, die Thematik der Erregung und der Skandalrufer hat wahrscheinlich schon fest jeden Fotokünstler ereilt. Sebst Landschaftsfotografen, die sich erdreisten gegen den Goldenen Schnitt zu verstoßen, geraten in diese Mühlen.
Als ich in den späten 70ern meine ersten (zugegeben provokanten) Aktbilder gemacht habe, gab es reichlich Schimpfe. Mein Lehrherr hat mir sogar Laborverbot erteilt, weil ich nach Feierabend meine ersten PornArts vergrößert habe. Ok, das waren alles klare Ansagen – ausgesprochen Auge in Auge.
Durch das Internet ist es natürlich viel einfacher, anonyme Beschimpfungen abzulassen. Da kann man sich so richtig ins Zeug legen und auch mal weit über die Grenzen der guten Sitten hinaus gehen.
Mich regen die Zeitdiebe auf. Warum schauen sie sich das Ganze an, wenn sie es so gar nicht leiden können? Warum nehmen sie sich die Zeit, haargenau auf den kleinsten Furz einzugehen? Hierüber habe ich einmal einen Artikel geschrieben. Titel: Von Pornografie und Wichsern
26. September 2009 at 11:13
[...] nationalsozialistischen Machtanspruchs, der sich unter Anderem der Fotografie bediente. Bilder von Leni Riefenstahl wurden zur Verherrlichung und später zur Anklage eines Regimes, das sich mit dem Sehnen des Volkes [...]
23. März 2010 at 16:39
[...] um Pro und Kontra polarisierend aufzuzeigen. Berühmte Fotografen können hier als Beispiel dienen. Leni Riefenstahl und Anatolij Skurichin sind beredte Beispiele dafür, aber auch Diane Arbus haben sich dieser [...]