Leute heute – Der Taubenvergrämer
Der Ernst der Sache liegt im Humor. Blog-Autoren sind ernsthaft, erscheinen nur bei flüchtigem Hinsehen als humorig und insbesondere Jan-Uwe Fitz kann nicht als Spaßvogel gelten. Er ist der Taubenvergrämer.
Blog ist die neue Form der Literatur. Zu dieser Einsicht könnte man kommen, wenn man die Episoden des Taubenvergrämers liest. Die klassische Form der Literatur ist das Buch. Der Taubenvergrämer hat nun auch den Weg ins Buch gefunden. Als Mitautor von „6 Herrengedecke und ein Sessel aus Plüsch“ gibt er Einblicke in eine fremd erscheinende Welt, die jedem Leser bekannt vorkommt. Land und Leute flimmern vorüber und Personen tauchen auf, die jedermann kennt, die jedoch überall andere Namen tragen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse des Taubenvergrämers sind bedenklich, weil er seiner ehrenwerten Berufung nicht in Venedig, sondern in Klein-Mettner nachgeht.
Tagebücher sind papierene Dokumentationen des realen Wahnsinns, geschrieben und versteckt. Ein Blog ist ein Tagebuch im Internet, geschrieben und veröffentlicht. Der Taubenvergrämer lebt und schreibt in seinem täglichen Wahnsinn und bewahrt Ruhe als erste Kleinbürgerpflicht. Ruhe bedeutet jedoch nicht Sprachlosigkeit. Dies können nahezu täglich die Leser seines Blogs erleben und nun auch in Form eines Buches nachlesen. Leute heute leben multimedial.
Im Rahmen des nun letztmals veranstalteten Ginsheimer Kulturabends gab Fitz, alias der Taubenverkrämer, tiefe Einblicke in das psychopathische Wesen eines Amok laufenden Beschäftigungslosen, dessen verzweifelte Botschaft durch die Ignoranz von Rentnern ins Absurde abgleitet. Trocken und einprägsam zog der Lesende das Publikum in die Seelenwelt eines Verzweifelten, der sein Leben den Tauben widmet, um sie zu vergrämen. Der Seelenzwiespalt des Einzelnen eröffnete so das Seelenfenster Vieler.
Wer sich beim Lauschen der Lesung zunächst noch distanziert zum Berufsbild des Taubenvergrämers aufstellen konnte, setzte sich bereits nach wenigen Minuten zumindest symbolisch mit auf die Protestbank des Menschen, der mangels Tauben seiner Berufung nicht mehr nachgehen kann. Aus einem humorigen Vortrag wurde eine Persiflage der modernen Marktwirtschaft. Immer dann, wenn die Passagen über die normalen Gesellschaftsstrukturen im lockeren Erzählfluss in das Auditorium sickerten, trat unvermittelt der Wahnsinn der modernen Gesellschaftsverunstaltung zu Tage. Mitreißend und augenöffnend.
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Tags: Besprechung, Buch, Kritik, Kultur, Leute heute, Literatur
29. November 2008 at 00:07
Frisch gepresst (3)…
Michael K. Trout, Fotograf und Autor, hat 6 HERRENGEDECKE und ein Sessel aus Plüsch eine kleine, feine Reihe gewidmet …
Herr Fitz, der Taubenvergrämer. MC Winkel. Viktor Vaudeville & Les 3roberts.
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