Die lange Treppe nach Canossa

Ich schrieb es schon, Zeit frisst Seelen auf. Im Moment ist von meiner Seele kaum noch etwas übrig. Guten Appetit, liebe Zeit!
„Ach, Du liebe Zeit“, war eine von meiner Oma gerne benutzte Floskel. Immer dann, wenn sie ihr besonderes Erstaunen kundgeben wollte, rief sie: „… ach, Du liebe Zeit!“ Als Kind hatte ich den Eindruck, meine Oma hat zum Zeitpunkt des Ausrufs die Zeit persönlich angesprochen. Die Zeit als Person und persönlich bekannt.

Vorbei ist es mit der kindlichen Vorstellung, dass Zeit eine Person ist. Ich weiß nicht so genau, zu welchem Zeitpunkt meiner Entwicklung diese Vorstellung vollends zerplatzte. Aber heute, im fortschreitenden Alter, bekomme ich den Eindruck, dass die Zeit doch irgendwie eine organische Lebensform sein muss. Die Uhr, auf der das Verrinnen der Stunden angezeigt wird, könnte nur eine Vision sein. Angesichts der aktuellen Zeitknappheit vielleicht sogar eine Supervision. Und an dieser Stelle kommt die Treppe ins Spiel.

Wohin führt der Weg? Ich finde es immer zum Piepen, wenn zum Beispiel Firmen in Werbekampagnen das Bild einer Straße oder eines Waldweges zeigen. „Wir machen den …“ jaja, der flache Weg wird frei gemacht. Ohne Mühe lässt sich in der Ebene an der Fortbewegung arbeiten. Aber wollen wir nicht alle hoch hinaus? Es soll doch immer nach oben gehen. Wieso gehen dann die abgebildeten Wege zumeist gerade aus? Ich weiß nicht so genau, ob in den Köpfen der Werbenden nicht die eine oder andere Metapher einer falschen Zuordnung unterliegt. Eine Treppe wäre der viel bessere Vergleich im Bild. Vom richtigen Standpunkt aus gesehen führen Treppen immer nach oben. Zugegeben, manchmal sind sie steil und schweißtreibend. „Ohne Schweiß keinen Preis …“, war noch so ein Spruch meiner Oma. Wie oft bin ich in all den Jahren die schweißtreibenden Route gegangen. Wandertage nach Canossa.

Warum ist der Ort Canossa in die Weltgeschichte eingegangen? Die ganzen Hintergründe zu erörtern würde den Rahmen sprengen. Es gibt aber eine Kurzversion: Zwei Dickköpfe wollten ihren Willen durchsetzen … weil der Eine unbedingt zeigen musste, dass er viel mehr im Recht ist als der Andere musste … jetzt wir die Story doch zu lang. Deshalb die Sehrkurzform: barfuß, auf Knien rutschend, Mea Culpa, alles wieder gut, rumdrehen und machen was man will. Ja, so geht es mir im Moment auch. Zu dumm nur, dass die Wege nach Canossa so zeitraubend sind.

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2 Antworten zu “Die lange Treppe nach Canossa”

  1. golfiwang Sagt:

    Als Werbehirn muss ich dir natürlich Recht geben: platte Wege sind auch konzeptionell platt. “Wir machen den Weg …” und schon schnarchen alle Nasen, weil sie diesen Spruch schon mehrfach inhaliert haben. Das Sujet der Treppe als Symbol des unaufhaltsamen (und manchmal auch beschwerlichen) Aufstiegs wäre oft passender.

    Aber hoppla: die ewig kritischen Geister bei den Kunden (oftmals die Sekretärinnen, die dann vor dem Chef nichts Falsches sagen wollen) beginnen, hinter die Stiegen-Kulissen zu schauen. Dann kommen Einwände wie “Treppen sind aber mühsam”, “leichter ginge es mit dem Lift” und die klassisch gebildeten sprechen dann von der “Fallhöhe, die durch den Aufstieg einhergehen muss”. Kurz & schlecht: Treppe bedeutet auch Fall. Ein gerader Weg erlaubt maximal einen kleinen Stolperer ;-)

    Die Treppe mit dem Canossagang auf eine Linie zu bringen, gelingt ebenso marketingtechnisch. Vor alle, für Werber. Sie hören sich die unglaublichen Bild- und Konzeptkommentare der Kunden an und können daraufhin nur noch “Wir überlegen uns etwas Neues und denken noch einmal weiter” sagen. Die klassische Niederlage, obwohl man sich moralisch als Sieger fühlt. Blöd nur, wenn das Honorar noch in der anderen Tasche steckt!

  2. Helmut Sagt:

    Das Foto… Rrrr…

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