Rau wie Schmirgelpapier

Wann trifft der Begriff „Meister der Fotografie“ eigentlich zu? Als ich mit dieser Serie begann, wurde mir diese Frage häufig gestellt. Heute bin ich es, der die Frage stell. Und heute bin ich es auch, der einen Erklärungsversuch unternimmt. Als Meister der Fotografie sehe ich jene an, die über einen langen Zeitraum immer wieder das Sujet ändern, ihre Aufnahmetechniken, Werkzeuge und Ausdrucksweisen variieren und dabei häufig Werke schaffen, an denen ich hängen bleibe und an die ich mich noch lange Zeit erinnere.

Streichen wir jetzt die vielen Variablen und bleiben beim Erinnerungsfaktor. Wenn es ein Fotograf immer wieder schafft Bilder zu zeigen, an die ich mich noch lange Zeit erinnere, dann ist er für mich ein Meister der Fotografie. Manchmal habe ich das Gefühl, unter den lebenden Fotografen gibt es nur noch wenige, deren Bilder mir im Gedächtnis haften bleiben. Einer davon dringt allerdings häufig in mein Gedächtnis ein – Vernon Trent.

Er fotografiert nackte Menschen und er huldigt der Muschi-Fotografie. Ja, er überrascht immer wieder mit süßen Katzenbildern. Aber nicht das ist es, was in mir hängen bleibt. Seine Menschenbilder dringen ein. Vor seiner Kamera werden selbst voll angekleidete Menschen nackt, weil er mit dem Objektiv tiefer eindringt. Und seine Nacktbilder erscheinen fast so, als wollte er nicht zu tief vordringen. Es ist die natürliche Grenze, die dieser Meister immer zu erfühlen scheint. Trotzdem gefallen mir nicht alle seine Bilder. Eher im Gegenteil. Er legt die eigene Messlatte mit jedem Bild weiter nach oben. Somit zwingt er auch die Betrachter dazu, sich für eine seiner vielen Stilrichtungen zu entscheiden.

Vernon Trent – wenn ich diesen Gedächtnisknopf drücke, leuchtet zuerst ein Warnschild auf. Rau wie Schmirgelpapier. Immer wieder pocht es in mir. Rau im Ausdruck und zart in der Aussage. Perfektion hat nichts mit dem schönen Bild zu tun. Immer wenn ich von Trent ein schönes Bild sehe, habe ich es schon wieder vergessen, bevor ich es mir richtig angesehen habe. Aber dann, wenn der Künstler sich selbst entfesselt, wenn er zur perfekten Technik das Unperfekte des Lebens hinzuzieht, reiben sich seine Bilder auf die Netzhaut. Es gibt Bilder, die schmirgeln das unnötig Schöne ab, um behutsam Seelen frei zu legen. Trent arbeite so wie ein Restaurator für wertvolle Möbelstücke. Behutsam aber mit Nachdruck schleift er mit Schmirgelpapier den unwerten Lack ab, um an die feinen Maserungen des Holzes zu gelangen. Erst wenn dieser langwierige Prozess erledigt ist, wird Leinöl auf das Holz gestrichen und die Linien der Jahresringe zeigen das filigrane Muster des Lebens. Genauso fotografiert Vernon Trent die Bilder, die in meinem Gedächtnis leben. Und ganz oft sind es dann genau die Bilder, bei denen er nicht die Spuren des Schmirgelpapiers verdecken will.

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2 Antworten zu “Rau wie Schmirgelpapier”

  1. aebby Sagt:

    definitv ein Fotograf an dem ich auch immer wieder mal hängen bleibe

  2. Michael K. Trout» Blogarchiv » Endlich wieder pure Fotografie Sagt:

    [...] Vorgaben die Bilder machen, die uns am Herzen liegen. Und noch ein Glanzpunkt kommt oben drauf: Vernon Trent wird mit uns zusammen seine Art der Bilder auf den neuen Film bannen. Ein Film – drei Fotografen. [...]

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