Die zweiäugige Rolleiflex ist nicht mein Ding
Ich besitze keine zweiäugige Rolleiflex – deshalb ist sie nicht mein Ding. Ich hätte gerne eine, aber dann muss es meine eigene sein. Tilla ist stolze Besitzerin einer solchen Lady und ich könnte sie auch benutzen, wenn ich wollte. Aber ich will das nicht, weil meine Bilder mit meiner Kamera entstehen sollen. Fotografen können manchmal recht eigen sein.
Ich habe ja schon über die Katastrophe berichtet, als im März Franke & Heidecke in die Insolvenz gehen musste. Unvermittelt überkam mich die Angst, dass ein großes Stück der Kamerageschichte, die mich zeit meines Lebens begleitet, nun für immer im Dunkel der Geschichte entschwinden sollte. Aber nein, noch brennen die Lichter! Spürsinn hat tatsächlich den Vertrieb der zweiäugige Rolleiflex übernommen. Grandios!
Aber warum bewegen mich diese Kamera und deren Zukunft so sehr? Schauen wir einmal kurz in die nun 80jährige Geschichte. 1929 wurde die zweiäugige Rolleiflex am Markt vorgestellt. Damals gab es einen echten Hype um die Fotografie, der schon fast an die digitale Jetztzeit erinnert. Mit dem zweiäugigen Konstruktionsprinzip wurde schon seit ehedem experimentiert, aber das Kamerawerk aus Braunschweig schaffte es, ein kompromissloses und zuverlässiges Arbeitsgerät für Fotografen herzustellen. Braunschweig … damals gab es dort noch einen weiteren Hersteller mit einem großen Namen – Voigtländer. Diese beiden Kontrahenten lieferten sich einen jahrelangen Streit um Kunden und vor Gericht, wem die zweiäugige Spiegelreflex zugeschrieben werden sollte. In den 1930er Jahren fertigte Voigtländer ein Gerät, die Superb, die aus meiner Sicht technisch wesentlich ausgereifter war, als die zeitgleich angebotene Rolleiflex. Ich besitze eine Voigtländer Superb, aber noch keine Rolleiflex. Übrigens gewann die Rolleiflex vor Gericht und bei den Kunden.
Mich fasziniert die Arbeitsweise einer zweiäugigen Kamera. Als Fotograf kann ich auf engstem Raum agieren und habe alles unter Kontrolle. Genau das war es auch, was viele Fotoreporter zur Rolleiflex trieb. In den 1950er und 1960er Jahren gab es keinen ernsthaften Reporter, der auf eine Rolleiflex verzichten konnte. Und auch viele Fotografen aus Kunst und Mode hätten niemals ihre heute als unsterblich geltenden Bilder ohne die Rolleiflex machen können. So hat zum Beispiel Helmut Newton seine berühmteste Serie, Big Nude, mit der Rolleiflex eingefangen. Noch immer knie ich vor Ehrfurcht nieder, wenn ich diese Bilder betrachte. Man muss sich einmal vorstellen, wie einfach diese von Newton eingesetzte „Knieperspektive“ mit der Rolleiflex ist. Durch den Lichtschachtsucher muss sich der Fotograf nicht einmal besonders weit bücken, wo Fotografen mit einer normalen Spiegelreflexkamera schon lange platt auf dem Boden herumkriechen.
Ich könnte noch viele Anekdoten über die Rolleiflex und ihre Fotografen erzählen. So habe ich im zarten Alter von 16 Jahren einen damals schon im Ruhestand befindlichen Fotografen kennen gelernt, der aus Ermangelung einer Tele- und Weitwinkel-Optik einfach beim Optiker entsprechende Brillengläser für seine Rolleiflex schleifen ließ. Mittels Dioptrien erzeugte er Tele und Weitwinkel. Natürlich mussten zwei Gläser aufgesetzt werden, weil es ja auch eine zweiäugige Kamera ist. Nun war er schon ein wenig altersfehlsichtig und setzte aus Versehen auf das eine Kameraauge die Weitwinkellinse, während das andere Auge die Tele-Linse verpasst bekam. So machte er ohne seinen Fehler zu bemerken eine große Portraitserie mit einem bekannten Politiker. Den fatalen Fehler bemerkte der Fotograf erst nach der Negativentwicklung. Übrigens werde ich nicht sagen, wer dieser (sehr bekannte) Fotograf war. Auf jeden Fall wurden die Bilder seines fotografischen Unfalls zu seinen berühmtesten Werken. So kann es gehen, wenn man im Weitwinkel sieht und im Tele fotografiert.
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Tags: Fotografie, Franke & Heidecke, Geschichte, Insolvenz, Rolleiflex, Tele, Voigtländer, Weitwinkel
23. April 2009 at 11:10
Nette Story.
Und den ersten Absatz kann ich nur unterschreiben. Ich hätte ja auch sooo gerne eine Zweiäugige – und wenn schon, denn schon natürlich Rolleiflex. Allerdings wüsste ich auch nicht, ob mir dieses System taugen würde. Immer diese blöde Habenwill-Reflex.
Ähnlich bei den Messsuchern …
23. April 2009 at 11:24
Da schmerzt es natürlich, wenn der Herr Papa bei einem netten Glas Wein am abend ganz beiläufig erwähnt, er habe die Rolleiflex des Großvaters vor ein paar Jahren mangels Eigeninteresse für, aus heutiger Sicht ein paar Kröten, an den Mann gebracht. *indieTischplattebeiß*
23. April 2009 at 12:10
golfiwang, so ist es eben in der Fotografie. Wenn sich echte Fotografen treffen – also die, die sich nicht Technikmerkmale um die Ohren hauen – kann man Kameramodelle kennen lernen, von denen man nur ganz entfernt etwas gehört hat. Und das Tollste dabei ist, daß diese Fotografen es dann verstehen, immer wieder das Äußerste aus den Schätzchen heraus zu kitzeln. Gestern habe ich von so einem Fotografen berichtet. Vernon Trent ist einer dieser Sorte.
So sind wir Echten eben
23. April 2009 at 12:12
boris, ja, ich kenne diese Schmerzen auch aus meinem engsten Familienkreis …
23. April 2009 at 13:02
@ Michael: ich stehe dazu, ein falscher zu sein
Aber diese Kameras sind einfach zuu geil, um dran vorbei zu gehen.
@ boris: das ist eine bittere Geschichte. Da hätte ich auch in die Tischplatte gebissen.
29. April 2009 at 12:09
ja, die rolleiflex…
ich hatte etwa 10 jahre das vergnügen, mit 3 eigenen rolleis fotografieren zu können
eine rolleiflex 3,5b von 1954, ne rolleicord II von 1939 und ne rolleicord Vb von etwa mitte der 60er
die art, damit zu fotografieren ist schon etwasganz besonderes, der blick aus der bauchhöhe, ein seitenverkehrtes sucherbild und vor allem der lichtschachtsucher – einfach grandios
zumal es eine fantastische reisekamera ist – klein, mobil und große bilder!
leider haben viele “neueinsteiger” panische angst, mit den beschränungen zu leben – kein beli (wenn, dann uralter selen, der eh nimmer richtig geht) – wenn man die GX mal aussen vor lässt..
kein zoom – ja, wie schlimm ist das denn???
nur 12 bilder…
teilweise unvergütete optiken (bj vor 1948)
scheinbar war das in den 30 jahren, in denen die rollei das fotografische geschehen mitbestimmte alles unwichtige details…
und trotzdem wurden viele der besten bilder aus den 30-70er jahren mit diesem “total unflexiblen” kasten gemacht
ich war mal im besitz des “goldenen buch der rolleiflex” – einem bildband von ca 1940 mit aberwitzigen sw und farbaufnahmen (mit dem rolleikineinsatz konnte man diese kameras mit kb film füttern – und der agfachrom war damals nur in KB erhältlich
es war also schon vor 2009 möglich scharfe und brilliante aufnahmen zu machen
auch wenn uns die indistrie (und die technikhörigen) was anderes weismachen möchten…
in diesem sinne
gruß
der stef
29. April 2009 at 20:02
Stef, tatsächlich scheint heute alles so, als wäre es vor langer Zeit geschehen … wenn man den AF-Automaten glauben soll. Wie soll das gehen? Keine Mehrzonenbelichtung? Kein automatisches Nachschärfen?
Nein, wer seinen Fotoapparat beherrscht, der ärgert sich über das unsensible Automatenrumgeschärfe auf dem falschen Punkt und die Belichtungsbevormundung.
Nun gut, heute hat mein Auto auch ABS, Klimaautomatik, Anit-Rutsch-Mitdenker, Gegen-Schlinger-Steuerer, es-kommt-Regen-Scheibenwisch-Anmacher und es-wird-dunkel-Scheinwerfer-Einschalter. Alles schöne Sachen. Aber wenn ich auf dem Ring am Grenzbereich der Reifenhaftung nach der Ideallinie suche, dann nehme ich nicht mein Sorglos-Auto, sondern bettel so lange, bis mir ein Bekannter seinen restlos ausgeräumten Puritaner-Porsche leiht. Man muß eben wissen, welches Gerät man für welche Sachen “braucht” … und Beschränkung kann soooo viel Spaß machen …