Belichtungsmessung, Gegenlicht und Vergißdenquatsch
Kaum habe ich die Serie „kleine Fotoschule“ wieder begonnen, kommen Fragen nach dem „wie geht dies“ und „wie mache ich das“. Wer alles ganz genau wissen will, bucht einen Workshop bei mir und bekommt gnadenlos Fotowissen in Theorie und Praxis eingeflößt … ups, im Moment habe ich aber keine Zeit dafür. Häufig gestellte Fragen drehen sich immer wieder um die richtige Belichtungsmessung. Vollkommen aus dem Wissensspektrum scheint dabei die Gegenlichtaufnahme geraten zu sein. Dabei kann diese Art der Aufnahmen als die wohl spektakulärste gelten. Man muss sich nur trauen und ein paar kleine Regeln beachten.
Fotografie braucht Licht. Diese Weisheit ist so alt, dass sie auch gerne zu Übertreibungen führt. Manchmal entsteht der Eindruck, dass Fotografen heute ohne Blitzlicht nicht mehr auskommen. Putzig finde ich es immer, wenn trotz reichlichem Lichtangebot ein Blitz mit der Begründung (oder ist es mehr eine Entschuldigung?) des Aufhellens eingesetzt wird. Da wird jede Bilddramatik weggeblitzt um sie nachher in stundenlanger PC-Arbeit wieder hinein zu operieren. Ich finde, ein Bild ist entweder gut oder schlecht … Operationskandidaten haben bei mir keine Chance.
Feste Regel bei Gegenlichtaufnahmen ist, dass je weiter man die Belichtung im Hellen nimmt, die Schatten weiter ins Schwarze gehen. Dies wird auch „Absaufen“ genannt. Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass je weiter die Belichtung in die Schatten geht, das Helle den Bildgegenstand überstrahlt.
Das Worte „Überstrahlung“ und „Absaufen“ hängen wie ein Damoklesschwert über der Fotogemeinde. Aus Panik hier etwas falsch zu machen, wird lieber auf Gegenlichtbilder verzichtet … aus meiner Sicht eine Verarmung der Fotografie. Besser wäre es doch, wenn man der Kameraautomatik grundsätzlich misstraut, den inneren Schweinehund überwindet und einfach das macht, woran man glaubt. Ich kenne viele Meister der Fotografie, die beim Thema der „richtigen Belichtungsmessung“ fast einen Lachkrampf bekommen. Nicht, dass sie schlampig arbeiten … aber hier gibt es eben neben der reinen Theorie noch die Messwerte „Bauchgefühl“ und „Erfahrung“. Zumeist ist Belichtungsmessung eine Mehrfeld-Angelegenheit. Man misst an mehreren Stellen, korrigiert nach Bauchgefühl und lässt die Erfahrung mit Kamera, Optik und Filmmaterial mitspielen.
Wer digital fotografiert, muss sich über spezielle Filmeigenschaften keine Gedanken machen. Wenn gar nichts mehr hilft, greift die Software der Kamera durch und regelt das Bild ein. Zwar können dabei eine Menge Details verloren gehen, aber das ist eben der Preis der Technik. Wer analog arbeitet, sollte grundsätzlich die Grundwerte seines Filmmaterials kennen. Man sollte wissen, ob der Film über eine Lichthofschutzschicht verfügt und wenn ja, wie stark diese arbeitet. Und zum guten Schluss wäre es ganz angebracht, wenn man weiß, wie weit ein Filmmaterial in den langwelligen Lichtbereich geht, um einzuschätzen, wie viel Zeichnung in den Schatten erhalten bleibt. All das sind Werte, die man nicht auf dem Belichtungsmesser ablesen kann.
Zurzeit gibt es nur zwei Filmmaterialien, die keine Lichthofschutzschicht haben (Lucky SHD100 und efke AURA). Das Fehlen dieser Schicht führt dazu, dass sich rund um die abgebildeten Objekte ein Lichtkranz bildet, der auch Aura-Effekt genannt wird. Man könnte sagen, dass dieses Merkmal im Gegenlicht zum Beispiel Personen einen Heiligenschein verpasst. Das ist unbedingt probierenswert. Die Bilder sind mehr als interessant.
Das absolute Gegenteil davon sind Filme mit einer extrem starken Lichthofschutzschicht. Davon gibt es im Moment nur einen Film am Markt. Der U125 ist in dieser Beziehung ein echter Brecher. Ich muss dringend ein paar Bilder im Gegenlicht zeigen. Es ist wirklich erstaunlich, wie gnadenlos das Ding ins Licht schauen kann. Hart, klar und ohne jeden Schnickschnack wird die reine Bildaussage sozusagen als Kondensat abgebildet.
Eine ganz andere Abbildungsart bietet der U200, der mit einer extrem langen Empfindlichkeit für langwelliges Licht auch bei extremen Gegenlichtsituationen in den Schatten die volle Zeichnung bringt. Der Betrachter wird sozusagen in das Bild hinein gezogen. Ich liebe das.
Gegenlicht ist macht sich übrigens in Schwarzweiß-Bildern am interessantesten. Auch In Farbe geht das, natürlich, aber persönlich finde ich es unspektakulär. Einzige Ausnahme ist der Crossbird. Er ist für mich sowieso der bunteste Schwarzweißfilm. Aber das ist Geschmacksache. Wer mit dem Redbird loszieht, der kann ins Gegenlicht ohne jede Hemmung gehen und die nachfolgenden Belichtungstipps sind für ihn nicht so interessant.
Und was ist denn jetzt mit der Belichtungsmessung? Erfahrung ist das Wichtigste dabei. Im Grunde muss man sich langsam vortasten. Ein guter Einstig ist das Anmessen im Schatten und ein weiteres Anmessen im Licht. Dann „glaubt“ man dem Schattenwert zu 2/3 und füllt den Rest mit dem Wert des Hellen auf. Irgendwo wird sich daraus eine Einstellung finden, die moderat erscheint. Da man die Quadratur des Kreises nicht erreichen wird, sollte man auch nicht danach streben. Hilfreich ist es, wenn man die Blende verhältnismäßig weit öffnet. 5,6 oder 8 sind gute Werte und wer mehr Mut hat, nimmt 4 oder auch 2,8 ins Visier. Zu behaupten, dass so jede Aufnahme gelingt, wäre vermessen. Aber jeder Fotograf sollte es einmal probieren. Es lohnt! Und Vorsicht … Bilder im Gegenlicht bergen ein gewisses Suchtpotential.
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Tags: Belichtung, Belichtungsmessung, Einkaufstip, Fotografie, Fotoschule, Gegenlicht, Tip
22. September 2009 at 20:38
Ich lese Deine Artikel immer sehr gern! Ich bin auch ein ganz großer Fan von “fünfe Grade sein lassen”! Du bringst es auf den Punkt: “Ein Bild ist entweder gut oder schlecht!” Manchmal ist jedoch ein Bild im Auge des Urhebers gut, weil er damit etwas verbindet… Ist es dann ein schlechtes, gutes Bild oder ein gutes, schlechtes Bild? Darüber sollte man mal nachdenken…
23. September 2009 at 07:03
Stilpirat, da sagst Du mehr als ein wahres Wort! Gute, mäßige, schlechte oder gar seltsame Bilder gibt es massenweise. Aber dann eben nur im Auge des Betrachters. Der Urheber wird sicher mit jedem Bild etwas für ihn wichtiges verbinden, wenn er mit dem Herzen fotografiert. Dies kann jedoch ein Bildbetrachter nicht beurteilen. Manchmal “zum Glück” und manchmal “leider”.
Aber jeder Fotograf muß sich die Frage stellen, warum und für wen er fotografiert. Dann sind wir auf dem richtigen Weg … denke ich …
23. September 2009 at 08:06
[...] Michael K. Trout Gedanken über Leben, Fotografie und Erotik « Belichtungsmessung, Gegenlicht und Vergißdenquatsch [...]
26. September 2009 at 08:39
[...] so dunkel, wie es auf den Bildern erscheint. Das ist ein Trick in der Fotografie! Nicht wie bei der Gegenlichtfotografie wird dabei die Belichtung genommen, sondern man misst absichtlich auf die hellen Partien an. Dabei [...]