Der Tag der Deutschen Einheit
Welcher Westdeutsche weiß denn noch, wo er am Tag der Ostdeutschen Grenzöffnung war? Ich weiß sogar, wo ich war, als die Nachricht vom Mauerfall kam. Ich saß im Zug, kurz vor dem Eintreffen im Kölner Hauptbahnhof. Ich konnte schon den Dom sehen. Der Kölner Dom gehört nach Kölle, sonst nirgendwo hin. Und in Anblick dessen, hörte ich vom Mauerfall. Emotionale Momente, mit denen ich damals nichts anfangen konnte.
Für mich war die Mauer immer ein Teil meines Lebens gewesen. So ähnlich, wie die Chinesische Mauer da hingehört, wo sie steht, der Kölner Dom unverrückbar in den Himmel ragt und eine Menge Erlebnisse mit der intakten Mauerteilung in Deutschland in Verbindung standen. Da waren die Nächte im Schlafzimmer einer verflossenen Liebschaft, mit direktem Blick auf die Ostdeutschen Systembewacher, die sicher mit ihren Nachsichtgeräten so manche Momente unserer ausgelebten Lust zu beobachten pflegten. Sie war eine wunderschöne, erotische Frau. Uns verband Berlin, ihr Bett und unsere Unfähigkeit, an meinen Besuchswochenenden länger als zwei Stunden außerhalb der Lotterstatt zu verbringen. Am Tag des Mauerfalls begann die Deutsche Einheit und eine Wiederholung der Lotterbetterlebnisse rückte in noch weitere Ferne, als sie sowieso schon gerückt war.
Der Sonderzug nach Pankow wurde außer Dienst gestellt und Genschers tränenunterstrichener Vortrag des Deutschlandliedes wurde zum Zeitdokument, ähnlich wie der Kniefall von Willy Brandt einige Jahre zuvor. Die Deutsche Geschichte bereicherte sich um eine weitere Facette in ihrem wechselhaften Lauf und am Abend dieses denkwürdigen Tages saß ich in einer Kölner Kneipe, in der ernsthaft diskutiert wurde, ob die Strophe „von der Oder bis zur Neiße“ demnächst wieder in die Nationalhymne zurückkehren würde. An dieser Stelle verweigerte ich übrigens das nächste Bier und zog es vor, mit mir alleine durch Köln zu laufen.
Ost und West, eine Prägung, mit deren Auflösung Menschen meines Alters erst langsam den Umgang erlernen mussten. Integrationskurse jeder Art und Farbe gab es haufenweise, aber eine ganze Generation aus Ost und West bekam keine Integrationsunterstützung. Mein Jugendfreund Volker kaufte sich übrigens wenige Wochen später drei Trabbis, um ganz Wessi mit Zweitackterdünsten im Westen seinen persönlichen Sieg über den Sozialismus zu bekunden. In diesem Jahr eröffnete er übrigens gemeinsam mit noch zwei oder drei schrägen Wessivögeln ein paar Versicherungsagenturen im Goldgräberland Ost. Versicherungen gegen Blitzschlag, Hagel und Neukommunismus. Zwanzig Jahre ist das nun her und Volker ist seit rund 15 Jahren nicht mehr auffindbar. Auch die Staatsanwaltschaft wäre froh, eine Adresse von ihm zu bekommen.
Ich weiß nicht mehr so genau, ob das Jahr des Mauerfalls auch das Dienstende von Bundeswehr-Wolfgang war, der, weil er nichts anderes gelernt hatte, mit ehemaligen NVA-Kollegen ein Unternehmen mit professionellen Personenschützern und Rausschmeißern eröffnete. Das waren damals seltsame Jahre, in der Zeit nach dem Mauerfall. Plötzlich gehörten große Namen der Kamera- und Optikfertigung auch wieder zu „uns Deutschen“. Noch heute ertappe ich mich dabei, dass ich von der BRD rede. Uns hat ja niemand Unterricht erteilt, wie man sich nun korrekt verhält. Zudem hatte ich die fünf Jahre zuvor größtenteils im Ausland verbracht. Jede Woche eine anderes Land, fast täglich eine andere Stadt. Wer das schon einmal erlebt hat, weiß wie wichtig das Wort Heimat sein kann. Ich kam zurück und innerhalb weniger Wochen musste ich Heimat anders definieren. Eine Integrationsunterstützung bekam ich nie.
Wir haben uns aneinander gewöhnt, wir alle. Ossi und Wessi wurde zu liebevollen Kosenamen. Übrigens bekennen sich seit jenem Tag des Mauerfalls immer weniger Menschen dazu, Kosmopoliten zu sein. Trotzdem hat das Bekenntnis zum Deutschsein in den letzten zwanzig Jahren fast täglich mehr einen bitteren Beigeschmack bekommen. Ich war übrigens aus Zufall am Wahltag in Görlitz, als die rechte Fraktion in den Landtag einzog. Die Fackelläufe damals waren für mich eher ein Spießrutenlauf und ich zwang mich dazu, das Thälmann-Lied zu singen. Bis heute habe ich es übrigens noch nicht geschafft, eine Wohnung mit einer Rosa-Luxemburg-Adresse zu bekommen. Aber die traditionsreiche Kamera- und Optikindustrie des wiedervereinigten Deutschlands wurde auf den Altar der Profiteure geopfert. Deutschland wurde wiedervereinigt und öffnete sich zum internationalen Sommerschlussverkauf. Vielleicht sehe ich das auch alles falsch, weil ich ja, wie bereits mehrfach erwähnt, keinen Integrationsunterricht bekommen habe. Jedenfalls ist Deutschland wiedervereint. Der Wunsch der Alten wurde erfüllt, die Jungen wuchsen ohne Trennungsprägung auf und eine ganze Generation aus Ost und West hat sich arrangiert, obwohl sie zuvor in den Jahren ihrer heranwachsenden Mündigkeit auf Trennung geeicht wurden. Zwanzig Jahre nach diesem denkwürdigen Tag ist das für mich eine der größten Leistungen, weil sie es geschafft haben, indoktrinierte Prägungen zu überwinden … sogar ohne Integrationsschulungen.
Deutschland heute, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall. An dieser Stelle sollte Jubel herrschen und ich möchte gerne noch einen versöhnlichen Nachsatz unter meine zuweilen böse Betrachtung schreiben. Aber warum? Ich fühle mich wohl mit den Menschen, die keine Mauer mehr in ihren Köpfen haben. Unwohl fühle ich mich mit der Politik, dem Deutschgehabe und mit der profitorientierten Ausverkaufsmentalität der heimatlosen Spekulanten. Ja, vor zwanzig Jahren sprach der Wiedervereinigungskanzler von blühenden Landschaften, und hat damit Vorschub geleistet, dass Deutschland zur Blüten wurde, ganz im Sinn der Falschmünzerei. Ich vermute, entsprechende Unterrichtseinheiten wurden aus dem Staatssäckel finanziert. Wie denn anders, wo doch mittlerweile die faulen Früchte dieser Mentalität mit staatlichen Mitteln eingekellert und zu einem seltsam schmeckenden Gesöff vergoren werden, um es Deutschen zur Nagelprobe darzureichen. Die Deutsche Einheit lässt sich gut feiern, aber man sollte kritisch darauf achten, mit welchem Getränk man anstoßen mag.
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