Ist es denn die Möglichkeit?

Gestern gab es bei meinem Teilzeitbrötchengeber einen Bericht über den Rollei ATP. Nun ja, ich habe ja schon so einige Sachen über diesen Film geschrieben. Zu behaupten, es sei mein Lieblingsfilm, ist etwas zu hoch gegriffen. Aber das „Ding“ ist einfach gut. Wenn man Zeit und Muse hat, ist der Film sogar sehr gut. Mein Name ist Ungeduld und meine Bilder haben ganz klar den Anspruch auf Vermarktung. Gerade hier leistet der ATP gewaltig gute Dienste … wenn man hoch auflösende Bilder braucht. In der Menschenfotografie kommt das ja weniger in Betracht, aber es geht. Deshalb wundert mich, dass mir heute einige E-Mails weitergeleitet wurden, bei denen es genau um die Frage des ATP und Menschenfotografie geht.

ISO 40 und Menschenfotografie? Geht das? Mal ganz ehrlich … es geht sehr gut. Und das sogar, wenn man keine Säulenheilige fotografiert. Ich verrate jetzt ein Geheimnis: Auch sehr unheilige Bilder kommen mit diesem Film richtig gut. Aus meiner Sicht wird der ISO-Hype vollkommen überbewertet. Gelegentlich stören mich sogar hohe ISO-Werte, weil ich dann nicht mehr die Blende so weit aufreißen kann, wie ich es gerne möchte. Na gut, ich betrachte Blende 22 sowieso als eine mittlere Krankheit. Wenn ich gnadenlose Tiefenschärfe haben will, dann nehme ich die Großformat-Kamera. Da habe ich sogar Blende 45 als gut nutzbares Gestaltungsmittel. Wenn schon, dann schon.

Reg108_036web Zurück zum ATP. Ich finde es ja ziemlich unspannend, wenn alles ganz glatt und seidig auf Bildern erscheint. Trotzdem scheint das vielen Bildbetrachtern zu gefallen. Ich habe mit einem Bild, das ich mit dem ATP gemacht habe, tatsächlichen einen Fotopreis abgestaubt. Das freut den Fotografen, weil Ehre und Ruhm auf in niederprasseln. Gleichzeitig glauben dann viele Leute, dass dieser hochgeschätzte Künstler nicht mehr für Normalsterbliche ansprechbar ist. Pah, wenn die wüssten …

Wir waren beim Thema Standbilder und ISO 40. Wer heute auf hohe ISO-Zahlen setzt, sobald sich auch nur eine leichte Bewegung zeigt, der sollte mal überlegen, wie die Fotografen vor 50 Jahren gearbeitet haben. Die wären in einen Freudentaumel verfallen, wenn sie einen ISO100-Film gehabt hätten. Und trotzdem haben sie ohne Blitz und großes Getöse Bilder gemacht, bei denen sich Menschen bewegt haben. Also raus aus dem Gejammer und hinein ins pralle Fotoleben.

Bei ISO 40 bewegt sich in normalen Räumen und ohne Zusatzbeleuchtung die Blende zwischen 4 und 2,8. Das reicht aus, wenn man sich auf seine Bildausschnitte konzentriert. Als Verschlusszeit liegt dann das Gros bei 1/30 sec, was auch ausreichend ist. Und nun kommt ein ganz großer Gag … man bekommt die Chance, leichte Bewegungsunschärfen einzufangen. Somit wirkt ein Bild nicht mehr statisch, sondern bekommt Lebensnähe. Zwar ist das nicht jedermanns Geschmack, aber ich finde das wunderbar. Oder ist vielleicht das Lebensnahe in der Fotografie aus der Mode gekommen? Ich weiß nicht so genau, aber irgendetwas muss doch dran sein, dass so viele Menschen wieder zurück zum analogen Langsamfotografieren kommen. Hier mein Beweis, dass langsame Fotografie den Herzschlag ganz schön beschleunigen kann.

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4 Antworten zu “Ist es denn die Möglichkeit?”

  1. Ronnie Sagt:

    Sehr schön und sehr informativ! Hätte man das als Digitalbild in den gängigen Foren eingestellt, hätte man sich vorwerfen lassen müssen, dass das Bild verwackelt sei :-) .

    Ich finde die Bewegungsunschärfe sehr gut und gerade als Serie sehr ansprechend. Es ist schon erstaunlich (oder soll ich erschreckend sagen), wie sich die Fotografie gewandelt hat. Da schreit die Masse der DSLR-Besitzer nach ISO 6400 ++ und “früher” haben die alten Meister mit ISO 25 erstaunliches geleistet.

  2. Michael K. Trout Sagt:

    Ronnie, vielleicht ist der Fortschritt genetisch bedingt. Eine Art Veranlagung, dass es immer weiter gehen muss, niemals stehen bleiben darf. Dies wird mit technischen Werten begründet, weil man ja eine Begründung braucht.

    Vollkommen schockiert war ich über die Präsentation der neuen Nikon D3s, die in ISO-Zahlen geht, die auch ich nicht beherrschen kann. Klar, wenn ich nur auf den Auslöser drücke, dann kommt ein Bild raus und fertig. Aber wenn ich planvoll an ein Bild oder gar eine Bildserie heran gehe, dann übersteigt es meine Vorstellungskraft, wenn mehr als 3200 ISO aufgerufen werden. Mehr kann sich ein Mensch nicht vorstellen, weil die Seherfahrung des klaren Sehens bei ungefähr 2800 ISO nicht mehr gegeben sind. So ist das eben.

    Wenn ich natürliche Bilder machen möchte, mich von der Hammerschärfe verabschieden will, dann muss ich eben mit den ISOs runter. Ganz besonders, wenn Bilder sprechen sollen.

    Aber warum ereifern wir uns? Ist es nicht so, dass heute nicht mehr das aussagefähige Bild, sondern die möglichst perfekte Abbildung gefragt ist? Solche Bilder brauchen Fotografen, die keinerlei Interpretationsspielräume zulassen können. Und nach meiner Erfahrung gehört eine Menge Mut und Selbstvertrauen dazu, ein Bild zu zeigen, in dem jeder Betrachter seine eigen Interpretation einbringen kann.

  3. Ronnie Sagt:

    Vielen Dank für die Antwort. Da könntest Du recht haben, dass dies der Fortschritt ist. Nur ist es eben nicht mein Fortschritt.

    Bei der D3s war ich auch entsetzt, dass jetzt in diese Richtung der Marketingzug fährt. Waren es früher noch die Angaben über Megapixel und Zomm, so ist jetzt die Empfindlichkeit an der Reihe?!

    Wo fängt das an und wo ist da schluss? Vollautomatikkamera mit 100 MP, Objektiv 15 – 500 mm und Sorglosmodus bei ISO 250.000?

  4. Michael K. Trout Sagt:

    Tja, wo fängt es an, wo hört es auf?
    Ronnie, ich glaube nicht, daß tatsächlich irgendwo Schluß ist. Fortschritt kann man nicht verteufeln, weil er einerseits zu jeder Hochkultur gehört und andererseits der Garant ist, daß aktiv und kreativ gelebt werden kann. Aus dieser Sicht mag es wohl angehen, daß irgendwann eine Kamera auf den Markt kommt, die auch noch mit Restlichtverstärker das Unsichtbare sichtbar macht.
    Dies kann gut und richtig sein. Gleichzeitig wird jedoch der Abstand zwischen einfacher Abbildung und bewußt gestaltetem Bild größer. Hierauf müssen all die achten, denen das gute Bild am Herzen liegt.

    Ich finde es erschreckend, wenn die Masse der Fotografierenden eine Kamera nach Datenblatt kaufen (und einsetzen), ohne bewußt die Fähigkeiten des Gerätes in Bildgestaltung und Bildausdruck einzubringen. Es ist nicht die Technik die stört, sondern die bedenkenlosen Anwender.

    Vielleicht setzt in der jetzigen Welle endlich wieder das Bemühen um das aussagekräftige Bild ein. Weiter oben habe ich eine Fotoepoche besprochen, in der es um den speziellen, dynamischen Bildausdruck ging. Die Epoche war nur kurz und wird in der heutigen Diskussion sehr negativ bewertet. Aber auch das gab es schon mehrfach in der Fotografie. Alles scheint sich zu wiederholen und alles drehte (und dreht) sich um die Technik. Warum soll ein Fotograf immer sagen, mit welcher Kamera, welchem Film, welchem Entwickler, welchem Sonstwas das Bild so geworden st, wie es zru Präsentation kommt? Mir ist das schleierhaft.

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