Fotowettbewerb, Ausstellung und Vollklatsche
Fotowettbewerb, Ausstellung und Magazinveröffentlichung scheint das höchste Ziel ambitionierter Fotografen zu sein. Na gut, die Veröffentlichung eines eigenen Buches fehlt in der Aufzählung. Aber dann ist es komplett. Seit ich eine Kamera in Händen halten kann, kenne ich das. So ist es oder so scheint es zu sein. Manchmal habe ich das Gefühl, mit dem Internet ist es noch schlimmer geworden. Klar, jeder kann seine Bilder zeigen. Aber umso mehr kommt der Wunsch nach Anerkennung der fotografischen Leistungen in nichtflüchtigen Medien auf. Es genügt nicht mehr, wenn täglich tausend Leute ein Bild anschauen und jeder hundertste eine „oh wie schön“ drunter schreibt. Ganz ehrlich, mir ist das auch zu öde.
Bücher habe ich schon veröffentlicht und Ausstellungen verweigere ich seit einigen Jahren erfolgreich. Mehr noch, ich meide die Teilnahme an Ausstellungen mit großer Begeisterung. Da stehen sowieso nur die Prosecco-Trinker Schlange. Klar, wenn es etwas umsonst gibt, kann man überall hingehen. Anders ist es bei Fotowettbewerben. Daran nehme ich nur teil, wenn ich gezwungen werde. Die Themen sind aber auch so was von bescheuert, dass ich mir einfach keinen Reim drauf machen kann. „Unsere Stadt im Wandel“ oder „Zeit und Raum“ sind so hohle Überschriften, dass „Inszenierte Welten“ schon fast innovativ klingen. Wer da etwas Sinnvolles zustande bringen will, muss kerngesund oder frisch operiert sein. Und hat jemand einen Fotowettbewerb gewonnen, darf er auch auf eine Magazinveröffentlichung hoffen. Gewinner auf dieser Strecke sind zumeist die Mainstream-Knipser. Auch wieder klar, weil die Wettbewerbsveranstalter sich bestimmt nicht einen Floh in den Pelz setzen und gegen den Strom schwimmen. Magazine haben grundsätzlich Schiss etwas zu zeigen, was nicht dem Normalbildgugger genehm ist. Und da es haufenweise Fotowettbewerbe gibt, ist die Auswahl an Mainstreambildern gewaltig. Somit wird das dann auch nichts, mit der Veröffentlichungsgarantie für den Mainstreamgewinner.
Frisch gebadet, gekämmt und eingeölt geht das Fotovolk auf Exkursion. Heraus kommen Bilder, die im Prinzip jeder machen kann. Alles sieht frisch gebadet, sauber gekämmt und ordentlich eingeölt aus. Wer sich ernsthaft mit der Fotografie befasst, kommt dabei so sehr ins Kopfschütteln, dass er ein Schleudertrauma erleidet. Es wäre wirklich an der Zeit, mal etwas ganz anderes anzuzetteln. Zum Beispiel eine … und jetzt fehlt mir die Idee. Anders herum. Wie wäre es, wenn man einen … und schon wieder ein Aussetzer. Mist. So geht das nicht. Ich stehe vor meinem Schrank mit den Fotoapparaten und entdecke einige Schmuckstücke für das 4×4-Format. Das wäre doch ein Hammer! Irgendein Event für das 127er Filmformat! Fotowettbewerb? Oh, ist das langweilig! Flashmob, Picmob oder gründen wir einen Verein? Nö, alles viel zu normal. Ich träume vom falschen Format. Der 127er Film ist nahezu unbekannt, also bestimmt das falsche Format. Genial! Wir gründen die Vereinigung des falschen Formats! Oh Mann, ich sollte meine Träume mal in Inspektion geben. Einmal baden, kämmen und frisch ölen. So kann das nicht weiter gehen. Der volle Vollformat-Chip ist Mainstream und ich brebele etwas vom Baby-Rollfilm. Kein Wunder, dass Automatik-Fotografen an mir vorbei ziehen. Die haben das Vollformat und ich habe eine Vollklatsche.
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Tags: 127, analog, Ausstellung, Fotoausstellung, Fotografie, Fotowettbewerb, Rollfilm, Wettbewerb
08. Oktober 2009 at 08:34
Um da mitzumischen fehlt mir das falsche Format.
Digital habe ich kein Vollformat zu bieten und kann auch nicht mit dem exotischen Four-Thirds dienen.
Analog bin ich derzeit nur mit 135er unterwegs – also auch nix besonderes.
Wie wäre es denn mit einer Ausstellung ungewöhnlicher Bilder an Orten, wo sie keiner erwartet?
Analoger Minimalismus im Eingangsbereich der sanifair “Filialen” oder so?
08. Oktober 2009 at 17:30
Bei der Vollklatsche bin ich dabei! Ich habe nämlich Kameras, die 127er Rollfilm fressen
09. Oktober 2009 at 11:35
Tja lieber Michael, ich schätze das ist wie mit der heissen Herdplatte und den Fingern. Manche Erfahrungen muss man selber machen. Demnach werden weiterhin Heerscharen an guten und schlechten Fotografen Ausstellungen veranstalten, an Wettbewerben teilnehmen und versuchen Bücher zu veröffentlichen. Und warum auch nicht. Wie vielfältig sind die Möglichkeiten dem geneigten Publikum nachhaltig in Erinnerung zu bleiben und sich einen Namen zu erkämpfen? Die Schaumweinfraktion gabs schon immer und wird es immer geben. Leben und leben lassen
Übrigens sind die zitierten Wettbewerbstitel, zumindest für mich, genauso viel- oder wenigsagend wie manch poetischer Erguss der bildbegleitend immer wieder präsentiert wird. Das mag aber an meiner Poesie-Immunität liegen.
Unterm Strich bin ich nach wie vor überzeugt, dass sich Qualität durchsetzen wird – und wenn jetzt alle mit der Lochkamera losziehen wirds auch irgendwann Mainstream. Ich glaube an die Lernfähigkeit des Normalbildguckers – immerhin war ich da auch lange Zeit und hab mich ein Stück weiter Richtung Halbklatsche entwickelt. Penetrieren wir den Geist der Normalos permanent mit Außergewöhnlichkeiten und Normabweichungen – sie werden nachgeben. Millimeter für Millimeter.
10. Oktober 2009 at 01:36
Wenn “jeder fotographieren kann”, dann musst Du eben – ganz arrogant – den Fotowettbewerb beschränken: Ausbildungsnachweis bitteschön! (Abt. “Meine-Frau-malt-auch”). Oder aber, Qualität setzt sich eben doch durch (hugh!). ist ja immer die Frage, wo man mitmacht, und wo nicht.
Ein weites Feld. Aber, lieber Michael, “Unsere Stadt im Wandel”, ein schönes Thema!
10. Oktober 2009 at 09:31
Ich liebe Ausstellungen. Das mag daran liegen das ich noch tief in den Anfängerschuhen stecke, oder keinen Alkohol trinke
Sollte sich das Publikum jemals an eure Bilder gewöhnen, werden eure Bilder zur Norm, eben zum Mainstream. Das wäre eine Vorstellung die mir so gar nicht behagt…
Aber auch ich bin überzeugt dass sich Qualität durchsetzen wird und nicht nur in der Fotografie.
Eben wegen dieser Qualität lese ich hier und anderswo mit…
12. Oktober 2009 at 11:21
ich finde deinen text sehr spannend … er zeugt von einer gewissen unruhe, die die suche des fotografen nach etwas neuem so mit sich bringt. knipser wie ich müssen sich erst in diese region vorarbeiten.
warum? da wäre dieser widerliche perfektionismus, den heutige kameras bieten. mir wäre auch eine knipse mit charakter lieber … doch wüsste ich jetzt schon, wie die testberichte in den einschlägigen magazinen ausfallen. ich selbst bin ausserdem zur einsicht gelangt, dass viele autoren die wurzeln der fotografie offensichtlich vergessen haben. in anlehnung an eine milch-werbung: die technik machts. mein seelisches gleichgewicht habe ich erst im antiquariat gefunden … und dank tillas hilfe.
mit meinem bescheidenen radius in sachen fotografie sind das die aktuellen grundübel, womit der mainstream tagtäglich bombadiert wird. irgendwann glaubt man es eben … wenn etwas neues, dann so etwas wie die evangelisten der fotografie
grüsse aus berlin
ronald
17. Oktober 2009 at 09:56
So, jetzt geht mein Blog wieder. Ich knutsche für die Hilfe einen lieben Freund, dem das Abgeschlabber in aller Öffentlichkeit sicher peinlich wäre
Eure Reaktionen zeigen mir, dass wir wirklich einmal über das hier besprochene Thema nachdenken sollten. Aber so alleine bekomme ich das nicht hin. In der Vergangenheit habe ich mir außerdem schon gewaltig die Flossen verbrannt, als ich Zugpferd bei einer gut gemeinten Aktion war und am Ende auf verlorenem Posten stand.
Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste … habe ich jetzt gelernt. Ich denke, wir denken gemeinsam noch ein wenig nach. Vielleicht entwickelt sich dadurch die Hammeridee. Lust darauf hätte ich schon …
18. Oktober 2009 at 13:31
[...] Wenn ich aber jetzt den damaligen Artikel durchlese, klatsche ich mir angesichts meines erst jüngst veröffentlichten Ausstellungsartikels an die Stirn. Klar, wenn wir diese Gedanken zusammen führen, dann könnte man eine Basis für das [...]