Kleine Fotoschule – Abstraktion und Surrealismus

Gewöhnlich ist das Gewöhnliche das Maß aller Dinge. Wie sehr sträuben wir uns dagegen, als gewöhnlich bezeichnet zu werden, weil es die Umschreibung des allgemeinen Durchschnitts darstellt. Der Durchschnitt erregt keine Aufmerksamkeit. Der Durchschnitt ist eben nur das „größte gemeinsame Vielfache“. Ich hätte nie gedacht, dass ich die Mengenlehre einmal auf die Fotografie anwenden kann. Aber leider ist es harte Realität. Um daraus zu entfliehen, versuchen schon seit ehedem Fotografen das außergewöhnliche Bild zu erschaffen. In der kleinen Fotoschule möchte ich heute auf diese Außergewöhnlichkeit eingehen.

Wer aufmerksam die Historie der Fotografie studiert, wir immer wieder auf fotografische Abstraktion und surreale Darstellungen stoßen. Gerade heute ergeben sich viele Möglichkeiten in dieser Richtung. Nicht zuletzt durch die elektronische Bildbearbeitung mag es einfach erscheinen, ein fotografisches Bild von der Realität zu entfernen. Aber auch ohne digitale Verfremdung ist das zu erreichen. Dies ist, egal wie es gemacht wird, ein künstlerischer Prozess. Man kann nun streiten, ob das alles noch mit Fotografie zu tun hat. Wer sich als Fotograf in die künstlerische Richtung bewegt, hat es sowieso schwer. Ich möchte hierauf nicht weiter eingehen, sondern einige Gedanken aufzeigen, wie Abstraktion und Surrealismus ihren Platz in der Fotografie finden können.

In der Vergangenheit habe ich schon häufiger über die abstrakte Fotografie geschrieben. Der Begriff ist dehnbar. Abstraktion mag für den Einen die nahezu reale Detailsicht sein und für den Anderen das nahezu symbolisierte Abbilden. Vielleicht ist dies auch der Grund dafür, dass sich diese Art der Abbildung nicht häufiger in der Fotografie wieder findet: Es fehlen die festen Definitionen. Fotografen neigen zu einer Art genormten Vorgehensweise. Der Zufall wird nur selten akzeptiert und das Wiederholbare genießt höheres Ansehen. Dabei wird jedoch vergessen, dass jede Aufnahme einzigartig ist und nur in den seltensten Fällen in gleichen Bedingungen wiederholt werden kann. So werden Landschaftsfotografen niemals wieder exakt den gleichen Sonnenaufgang über dem Meer oder das gleiche Alpenglühen am Wilden Kaiser aufnehmen können. Fotografie ist stets eine Momentaufnahme. Gerade das macht den fotografischen Prozess so spannend, weil er in den Bildenden Künsten tatsächlich die einzige Kunstform ist, die das Unwiederholbare im Moment der Erscheinung festhalten kann. Jedes Bild ist in sich ein Unikat. Dem sollten sich Fotografen bewusst sein.

Abstrakte und surreale Fotografie beinhaltet das bewusste Entfernen von üblichen Sichtweisen. Wichtig hierbei ist, dass sich eine Art Traumwelt eröffnet oder der Blick auf einen gewöhnlichen Bildinhalt in außergewöhnlicher Darstellung gelenkt wird. Hierbei ist das planvolle Vorgehen eine für ein Bild entscheidende Voraussetzung. Unerheblich dagegen ist, ob dieser Plan bereits bei der Aufnahme oder erst zum Zeitpunkt der Ausarbeitung vorliegt. Auf jeden Fall sollte jedoch der Überraschungseffekt die treibende Kraft des Bildes sein. Der Betrachter soll in eine Welt geführt werden, in der er das Bekannte findet, aber die Präsentation Spielraum für eigene Gedanken lässt. Somit unterscheiden sich solche Bilder von anderen, weil die Bildaussage sich nicht unmittelbar zwingend ist. Zumeist ist die Bildserie in einer gemeinsamen Präsentation hierbei hilfreich.

Wer in die Literatur schaut, wird deutliche Unterschiede zischen abstrakter und surrealer Kunst finden. An dieser Stelle wollen wir uns nicht mit kunsttheoretischen Schubladen auseinander setzen. Viel interessanter ist die Umschreibung der Gestaltungsmöglichkeiten. Für eine umfassende Besprechung aller Möglichkeiten wird dies aber zu weitläufig im Rahmen eines einzelnen Blogartikels. Deshalb soll nur angerissen werden, was der Inhalt sein kann. Das Spiel mit Farben oder die Reduzierung auf krasses Schwarzweiß sind allseits bekannt. Hierzu gibt es viele Methoden. Persönlich empfinde ich die Doppelbelichtung als eine der interessantesten Darstellungsarten. Hier ein Beispiel, das ich sehr mag:

Der Titel des Bildes: She is an man.

Leben wir nicht alle mit mehreren Seelen in einem Körper? Im täglichen Leben mag es schwierig sein, sich zu mehr als einer Identität zu bekennen. Genau das ist aber der Dreh- und Angelpunkt für die surreale Fotografie. Surreal ist das Gegenteil des Realen, wobei niemals die Realität negiert, sondern um eine zusätzliche Dimension erweitert wird. Es ist eine große Herausforderung, seine eigenen Gedanken in ihrer gesamten Mehrschichtigkeit in ein derartiges Bild zu bringen. Aber genau da beginnt das Bild, das sich von der Realität entfernt ohne diese zu verleugnen. Abstraktion ist somit die eine Sache. Fotografische Surrealität ist das Kombinieren von zwei oder mehren Realitäten in ein Bild. Welche Realitäten dies sind, bleibt dem Künstler überlassen. Jedoch müssen alle im Bild sichtbaren Realitäten eine Aussage mitbringen, deren Interpretation jedoch dem Bildbetrachter überlassen wird. Der Künstler kann eine Hilfestellung geben, indem er einen passenden Bildtitel mitgibt. Mehr sollte er jedoch nicht tun.

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2 Antworten zu “Kleine Fotoschule – Abstraktion und Surrealismus”

  1. kampffussel Sagt:

    “she is an man” ist aus meiner sicht ein sehr gutes beispiel für deine ausführungen … ansonsten neige ich zur wiederholung: ein sehr gelungener beitrag :)

  2. Michael K. Trout Sagt:

    Kampffussel, ich verbeuge mich …. Dankä

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