Ein geiles Fotografenleben (Teil 29)


<< Herr Trout, Sie sind zu ungeduldig >>, denke ich, als mein Finger sich zum dritten Mal in die Klingelmulde senkt. Vielleicht müssen die Leute auch nur das Rudel Wachhunde einfangen, das sich in ihrer 14 ½ Zimmer-Wohnung um die 9,72 Kühlschränke (gemäß statistischem Mittelwert) lümmelt. Ich habe keine Ahnung, woher ich diese als repräsentativ geltenden Kennwerte der gehobenen Bürgerschaft habe. Vielleicht entspringt sie einem meiner Aktivträume bei denen ich stets vergesse, dass ein Traum keine Realität ist oder die Realität manchmal der schlimmste Albtraum sein kann. Apropos Alptraum. Ich habe schon lange nichts mehr von meinen Freunden vom Finanzamt gehört. Ich sollte einmal anrufen. Vielleicht sind sie krank, siech oder leidend und bedürfen meines Zuspruchs.

In diesem Moment öffnet sich die Tür und ein etwas … ich weiß nicht, ob ich das richtige Wort für diesen Zustand finden kann … desorientierter Mann greift nach meiner Hand, um sich ihrer zu bemächtigen und mitteleuropäisch-kräftig zu schütteln. Wie froh bin ich, dass wir uns nicht inmitten der russischen Enklave getroffen haben. Wenn er so küsst, wie er schüttelt, dann würde er mich durch die Poren blutleer saugen.

„Entschuldigung, wir haben uns unterhalten!“
Ich schaue ihn an und frage mich, ob ein Mann in dieser Größe und diesem, mir fast unglaublich erscheinenden, Muskelaufbau, eine Unterhaltung in normaler Zimmerlautstärke führen kann. Nach meiner Vorstellung, artet es eher zum Brüllen im Orkan aus und ich stelle mir vor, dass normale Zärtlichkeit bei ihm eher zur Kampfkunst ausartet. Jedenfalls ist er sympathisch, weil ein offenes, freundliches Lächeln seine Lippen umspielt. Fotografisch ein typischer Fall von Weitwinkelfotografie, wenn man ihn komplett aufs Bild bannen will.

Er leitet mich durch einen Wohnungsflur, der nichts von der erwarteten 14 ½ Zimmer Suite erkennen lässt. Irren ist menschlich sprach der Igel und stieg von der Bürste.
In einem sehr kleinen, aber gemütlich eingerichteten Wohnzimmer sitzt eine, wahrscheinlich seine, Frau, so zierlich, wie das Zimmer selbst. Zimmer, Frau, Riese – Gegensätze ziehen sich an.

„Wo werden die Bilder veröffentlicht?“, knurrt er mich an und zeigt dabei auf meine Brust. Da mir die Verletzungsgefahr erheblich erscheint, beschließe ich meine üblichen Scherze zu unterlassen und gleich mit der Wahrheit heraus zu rücken. „Nirgendwo!“, ist meine einfache Antwort. Außerdem finde ich die Frage recht deplaziert, weil diese Leute mich für die Bilder bezahlen und ich nur in Ausnahmefällen, nach Absprache, das eine oder andere Bild an die Öffentlichkeit zerre.
Er grunzt und mit einem süßlichen Lächeln lässt er seine Frau wissen: „… siehst Du, mein Schatz, keine Veröffentlichung! Reden wir später drüber!“
„Ah!“, bestätigt sie den Empfang der Botschaft.
Ich befinde mich in einem Kreis von Menschen, die gesprochene Sätze gerne mit einem Ausrufezeichen beenden. Ich habe zwar erst einen Ein-Wort-Satz abgefeuert, mich aber instinktiv an die hier herrschenden Gesprächsgewohnheiten angepasst. So ganz nebenbei beschäftigt mich ernsthaft der Gedanke, wie ein solcher Riese in sexuell motivierter Raserei mit der zierlichen Frau umgehen mag und mit welchen Techniken sie dies überlebt.

Ungefragt bekomme ich eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt (ich mag keinen Kaffee, nur Espresso, aber das traue ich mich nicht zu sagen) und gleite vorsichtig in den mir am nächsten stehenden Sessel. Die Frau ist übrigens ausnehmend schön.

„Wir haben Sie engagiert … ich sage jetzt Du zur Dir … um Bilder, ganz besondere Bilder, unserer Sexualität machen zu lassen“, werde ich von dem Riesen unvermittelt aufgeklärt. „Wir haben einen ganz besonderen Wunsch und werden heute die Bilder nicht machen. Die Anzahlung ist als Entschädigung für Deine Anfahrt und die Zeit zu sehen, die Du heute Vormittag zur Absprache mit uns verbringst.“
Zum Glück muss der Riese gerade Luft holen. Mir geht das jetzt alles ein wenig zu schnell.
„Und zwar wollen wir etwas ganz Besonderes in Bildern festgehalten bekommen“, sprudelt er munter vor sich hin. „Wir möchten das Heute und Jetzt festhalten … in Bildern.“
Die Augen der Frau beginnen zu glänzen, ich bin ein wenig gehemmt und er lässt mir keine Atempause. Mir kommt eine Textzeile der Neuen Deutschen Welle in den Sinn. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran. Ich bin ein kleines Rädchen in einem großen Uhrwerk. Der Riese scheint der Maschinist zu sein. Oder doch nicht? Die Augen der Frau erscheinen mir immer glänzender, so zierlich wie sie dasitzt, kokett ein Bein über das andere geschlagen, in einem sehr kurzen Wickelkleid aus bestem, hauchdünnem Stoff in dezentem dunkelbraun, das ihren Hautton so angenehm zur Geltung bringt.
„Meine Frau hat eine ausgesprochen exhibitionistische Ader“, klärt mich der Reise auf. „Aus verschiedenen Gründen leben wir dies nicht in der Öffentlichkeit aus und in Swinger-Clubs gehen wir auch nicht.“
Interessant, seit geraumer Zeit hat der Riese es unterlassen, seine Sätze mit Ausrufezeichen zu beenden. Ohne diese Satzmarken klingt seine Stimme tief und grollend, aber angenehm. Noch während ich mich in der ungewohnten Situation wohnlich einrichte, steht die Frau auf und öffnet ihr Wickelkleid. Es entfalten sich für mich nackte Tatsachen, die mir in keiner Weise fremd, aber im jetzigen Moment seltsam unpassend erscheinen. Aber zum weiteren Sinnieren habe ich keine Zeit, weil der Riese seine Hand auf ihren zarten, gar nicht so kleinen Busen legt. „Siehst Du, was ich meine?“, fragt er und ich sehe nicht was er meint. Ich sehe eine zugegebener Maßen große Hand, auf einer schönen, sogar sehr schönen Brust, ich sehe wie ihre Nippel sich unter seiner Berührung versteifen und ich sehe auch, wie beide meinen Blick genießen. Ok, vielleicht sollte ich das sehen. Oder wie? Oder verstehen?

„Auf jeden Fall pflegen wir eine eigene Art der Sexualität“, flüstert sie und schmiegt sich an seinen großen Körper.
„Meine Frau ist Exhibitionistin, aber nicht für andere Männer verfügbar“, erklärt mir der Riese, wobei seine Stimme zärtlich klingt. Ja, hier kann ich folgen. Das verstehe ich. „Deshalb suchen wir unsere Sexualität bei Professionellen“, und dabei senkt er seine Stimme so sehr, als müssten wir flüsternd ein Geheimnis teilen, dessen Tragweite die Welt aus den Angeln hebt.
„Ja, ich verstehe“, versuche ich meinerseits ein verbales Lebenszeichen zu geben.
„Du hast doch keine Probleme mit Professionellen?“
Nein, das habe ich ganz gewiss nicht! Aber es ist jetzt nicht an der Zeit aus meiner fotografischen Lebenserfahrung zu plaudern.
„Wenn das für Dich in Ordnung ist, machen wir einen Termin aus und rufen Dich an!“
Sie sind wieder da, die Ausrufezeichen!
Ich nicke und die Sache scheint abgemacht. Der Riese klopft mir anerkennend auf die Schulter.
„Du bist genau richtig!“
Ich huste und der Termin ist zu Ende. Ich musste nicht einmal den Kaffee trinken. Angenehme Leute.

Auf dem Weg nach Hause grinse ich breiter als breit. Es ist wundervoll, nach all den Jahren in der sexuell orientierten Fotografie neue Spielarten und Facetten kennen lerne. Mir erscheint der Gedanke gar nicht so abwegig, als Paar einen oder mehrere professionelle Mitspieler in die Sexualität hinein zu lassen. Warum soll dies nur erlebensdurstigen Einzelpersonen vorbehalten sein?

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