Kleine Fotoschule – die Arbeit mit Modellen

Ein immer wieder interessantes Thema in der Menschenfotografie ist die Arbeit mit Modellen. Jeder ambitionierte Fotograf wird früher oder später an dieser Stelle ankommen. Zunächst klingt das Ganze recht einfach, wird aber schwieriger, wenn man ganz bestimmte Vorstellungen hat. Wenn irgendwelche Bilder gemacht werden sollen, wird sich bestimmt immer jemand finden … wenn ein ganz bestimmter Kontext, ein spezieller Bildausdruck oder sogar künstlerische Fotografie entstehen soll, wird es zunehmend schwieriger. Heute möchte ich einen kleinen Eindruck in diesen Bereich der Fotografie geben.

Die Arbeit mit Modellen beginnt mit der Suche nach dem richtigen und passenden Modell. Diese Suche beginnt beim Fotografen. Es ist nicht damit getan, dass er seine Nase in die Welt streckt und ganz pauschal Werbung für sich macht. Vor allem muss für jeden Fototermin zunächst ein eigenes Konzept erstellt werden. Mit halb garen, etwas nebulösen Ideen wird wenig erreicht. Jedes gute Konzept hat Hand und Fuß, erzählt eine Geschichte, stellt eindeutig den Bildstil und die Bildaussage heraus und beinhaltet alle Rahmenbedingungen wie Räumlichkeiten, Ausstattung und Kleidung. Im Grunde beschreibt der Fotograf in seinem Konzept schon ziemlich genau, was nachher auf den Bildern zu sehen ist. Erst auf dieser Basis ist es möglich, ein oder mehrere Modelle zu suchen und natürlich auch zu finden. Nichts ist schlechter, als Modelle die nicht zum Konzept passen. Im Grunde kann man solche Bilder auch gleich verbrennen … oder besser noch, erst gar nicht machen.

Wie baut man ein gutes Konzept auf? Darüber werde ich bei Gelegenheit einmal etwas mehr schreiben. Grundsätzlich wäre das aber nicht nötig, weil wir alle in der Schule Aufsätze schreiben mussten Ein Konzept ist sehr ähnlich aufgebaut, besteht aus der Rahmenhandlung … nennen wir es Coverstory … beinhaltet aber noch zusätzlich Rahmenbedingungen der Realisierung. So ist demnach auch die technische Basis enthalten, also Licht, Kamera und Objektiv(e) und evtl. noch weitere Hilfsmittel. Ein gutes Konzept liest sich wie ein Rezept aus einem guten Kochbuch. Schließlich wird da ja nicht nur die Liste der Zutaten abgedruckt. Nicht zu vergessen ist, dass auch nötigenfalls ein Assistent eingeplant werden muss … ich lach mich immer schlapp, wenn ich beobachte wie Fotografen Kamera und Reflektor gleichzeitig halten wollen. Wichtig ist auch der Zeitrahmen, der sich aus all diesen „Nebensächlichkeiten“ ergibt. Man muss wissen, dass die Konzentration aller Beteiligten nach ungefähr einer Stunde nachlässt Deshalb müssen auch Pausenzeiten eingeplant werden und das wie und wo ins Konzept aufgenommen werden.

Fotografen verbrauchen innerhalb eines Shootings eine Menge Energie. Mit der Zeit fängt das Auge an, schleichend an Sehkraft zu verlieren. Der Körper braucht Zucker! Geübte Fotografen haben meist Bonbons oder Schokoriegel in der Tasche. Ganz wichtig! Ein unkonzentrierter Fotograf macht unkonzentrierte Bilder. Müllproduktion in Reinkultur. Aber was hat das alles mit dem Konzept und der Modellarbeit zu tun? Eine ganze Menge! Jeder Mensch vor der Kamera hat das Recht auf gute Bilder. Deshalb muss der Fotograf gut für sich und das Modell sorgen. Das darf nicht planlos geschehen. Und wenn wir schon mal dabei sind, kommt gleich eine etwas unbequeme Tatsache: Das Modell muss sich voll und ganz auf sich selbst und den Fotografen konzentrieren können. Deshalb darf während der Aufnahmearbeit keine Bonbonlutschaktion, Kaugummitraktierung oder sonstige Zappeleien von der Arbeit ablenken. Der Fotograf muss diese Tatsache im Vorhinein klarstellen. Dann klappt es auch mit dem Modell. Wer solche Rahmenbedingungen nicht vorweg klar macht, wird im Shootingtermin eine unzufriedene, vielleicht sogar mürrische Person abbilden müssen. So was geht gar nicht! Ein ganz besonderes Ablenkungspotential sind Begleitpersonen (gerne als Sicherheits- und Kontrollperson bezeichnet). Daher ein guter Rat: Entweder die Begleitperson spielt bei den Bildern mit, wird also Teil der Bildstrecke oder hat Begabung zum Assistenten, oder hat beim Shooting nichts zu suchen.

Wenn das richtige Modell gefunden ist, geht es ans Fotografieren. Ich war einmal bei einem Workshop-Veranstalter eingeladen, der für recht beeindruckende Beträge Fotografen die Menschenfotografie erklärt. Ganz ehrlich, nach rund einer Stunde habe ich kopfschüttelnd den Saal verlassen. Das war Hilfsschule im wahrsten Sinne des Wortes. Da wurden Menschen vor der Kamera drapiert, Licht, Luft und Sonnenschein herbei gebetet und dann sollten die Kamerabediener den Modellen zurufen was sie von ihnen wollen. Aua, so sieht die konzeptlose Fotografie aus und so entstehen Bilder, die über Jahre hinweg immer gleich aussehen, egal wer dort abgebildet wurde. Gute Fotografen machen das anders.

Wie gesagt, am Anfang steht ein Konzept. Im Idealfall konnte das Modell dies vorher lesen. Zwar werden da ein paar Dinge drinstehen, die nur für Fotografen interessant sind, aber das ist egal. Wichtig ist die Coverstory. Das Modell muss wissen, was der Fotograf ins Bild rücken will. Sehr gute Fotografen schaffen es, Modelle in genau die Situation hinein zu versetzen, die als Bildgeschichte zu sehen sein wird. Also müssen Hintergründe und Zusatzinformationen gegeben werden. Deshalb erklärt der Fotograf kurz vor den Aufnahmen nochmals die gesamte Coverstory. Das geschieht immer, bevor der Fotograf die Kamera hebt. Ganz schlecht ist es, wenn Steueranweisungen mit dem Blick durch den Kamerasucher erfolgen. Nicht das Modell hat sich nach der Kamera zu richten … der Fotograf muss den richtigen Bildaufbau suchen! Dazu muss er beweglich sein. Er ist in der Pflicht sich auf den Bildpunkt zu konzentrieren. Entweder er macht ein Bild für schöner wohnen, oder er konzentriert sich auf den Menschen vor der Kamera. Im letzten Fall wird er immer intensiv nach dem richtigen Aufnahmepunkt suchen und niemals das nehmen, was ihm vom Modell angeboten wird. Modellsteuerung hin oder her, der Mensch vor der Kamera ist das wertvollste Gut für gute Bilder und er ist wert umsorgt zu werden. Deshalb bringt der Fotograf vor der Aufnahmearbeit das Modell in die richtige Stimmung und Ausdrucksweise. Vorher! Im Anschluss läuft dann die Szene fast von alleine. Leichte Korrekturen, kurze Hinweise genügen. Unsichere Modelle müssen vorher besser vorbereitet werden. Der große Unterschied zwischen Amateur- und Profimodellen ist exakt diese Vorbereitungszeit. Gute Modelle haben ein großes Talent zur Schauspielerei. Exakt an diesen Punkt muss der Fotograf seine Modelle führen und vielleicht vorher ohne Kamera proben. Wenn dann die Bilder gemacht werden, ist das wie eine Aufführung auf der Theaterbühne. Dann muss alles von alleine fließen.

Nun noch ein Tipp, der vielen Fotografen nicht schmecken wird: Jeder ernsthafte Fotograf muss in gewissen Abständen selbst vor die Kamera. Nur so wird ihm immer wieder deutlich, wie sich der Mensch vor der Kamera fühlt. Wer dieses Wissen, diese Erfahrungen, nicht immer wieder abrufen kann, wird den Kontakt zu Modellen verlieren. Wer zum Beispiel Aktfotografie betreiben will, muss wissen wie es ist, nackt vor einer Kamera zu sein. Wer es nicht schafft einem Modell vorzuspielen, wie es sich vor der Kamera bewegen soll, wird mit Worten nur ganz schwer den richtigen Ausdruck herbei reden können. Hierin liegt übrigens der Schlüssel dafür, warum viele Modelle in späteren Jahren die besseren Fotografen werden.

Nun noch schnell ein paar Worte dazu, warum ich sehr gerne mit Modell-Anfängern arbeite. Wenn Modelle schon häufig mit flatterhaften, schlecht vorbereiteten Fotografen gearbeitet haben, also die Bildideen selbst mitbringen mussten, ist das nur sehr schwer wieder herauszubringen. Ich will einfach nicht die Posen, nicht die Bildausdrücke bekommen, die vor mir schon hundert andere Kamerabediener eingefangen haben. Meine Bilder sind meine Bilder. Da gehe ich keine Kompromisse ein. Ich habe auch keine Lust, in der Shootingsituation beständig mit dem Modell zu kämpfen, nur weil es meint mir etwas Gutes zu tun, weil es vorher schon hundert andere so wollten. Und ich habe auch keine Lust darauf, Posing A, Posing B und Posing C in einstudiertem Ablauf in die Kamera zu hämmern. An dieser Stelle beginnt übrigens die Verwandlung vom Kamerabediener zum Fotografen. Aber dafür bedarf es eben eines Konzeptes.

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11 Antworten zu “Kleine Fotoschule – die Arbeit mit Modellen”

  1. kampffussel Sagt:

    ein beitrag, der mir aus der seele spricht.

    allerdings bin ich schon bemüht, dass modell in die ideenfindung mit einzubeziehen. über diesen “umweg” versuche ich herauszubekommen, worin das modell seine “stärken” sieht und ich ansetzen kann. das erste shooting sehe ich immer als standortbestimmung … dann weiss ich, ob meine ideen zum modell passen. eine pummelfee kann ich nicht als elfe knipsen … :)

  2. aebby Sagt:

    viele wahre Worte

  3. berni Sagt:

    darf ich mich ein wenig darüber freuen, dass ich dich zu diesen höchstinteressanten worten inspiriert habe?

  4. boris Sagt:

    Tja, das muss ich der besten Ehefrau von allen zeigen. Sie muss definitiv noch viel in Sachen des behutsamen Umgangs mir ihren Modellen lernen *lach*

  5. Michael K. Trout Sagt:

    Kampffussel, gegen das gemeinsame Entwickeln von Ideen oder auch das Austesten des Miteinander ist nichts einzuwenden. Aber wenn es dann um die Ideenumsetzung im “Ernstfall” geht, ist Ende mit Wünschdirwas … und irgendeiner muß ja die Hosen anhaben *lach*

    Aebby, ja, viele Worte und alle über viele Jahre hart erkämpft ;-)

    Berni, kannst Du, Du Zeitdieb Du kleiner *grins*

    Boris, dann weißt Du wenigstens als Fotograf, wie man sich fühlt wenn das alles ganz anders ist *wink*

  6. kampffussel Sagt:

    @ michael: joh … so halte ich es dann auch :)

  7. Ulli Gabsch Sagt:

    Hallo Michael,

    eigentlich wollte ich in nächster Zeit zu selbigen Thema ebenfalls einen Beitrag in meinem eigenen Blog schreiben. Aber nun werd’ ich’s lassen, denn besser, wie Du es in Worte gepackt hast, könnte ich es wohl nicht. Also mache ich es mir bequem und verlinke einfach zu Dir! :-)

    Liebe Grüße

    Ulli

  8. Michael K. Trout Sagt:

    Ulli, ich fühle mich geehrt …

  9. Michael S. Sagt:

    Als Deinen Text las, erinnerte ich mich an meinen ersten Fotokurs an der VHS in Siegen, um 1977 rumm. Nichtmal Akt sondern “nur” Portrait.
    Es war nur schlimm.
    Ich kann mich sogar an latent aggressiven Gefühlen erinnern, und so bin ich zwar mit einem netten Bild aus dem Kurs gegangen, aber ich wollte von der Portraitfotografie nichts mehr wissen.

  10. Michael K. Trout Sagt:

    Namensvetter, wieso hattest Du latent aggressive Gefühle danach? Was ist da so gänzlich schief gegangen?

  11. Michael S. Sagt:

    Es ist schon so lange her. Kann sein, dass ich als Teenager nicht mit dem Rudelverhalten der Alten klar kam.

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