Sex in the City

Was wäre die Fotografie, ohne das Abbilden aller Lebensbereiche? Wer nun eine kleine Fotoschule erwartet, in der ich lehrend verkünde, wie man Sexualität in Ausübung fotografiert, wird bitter enttäuscht. Natürlich, ich fotografiere auch in diesem Bereich und habe auch schon reichlich Gedanken und Bilder aus diesem Sujet veröffentlicht. Aber in diesem Blogartikel möchte ich doch ein paar andere Gedanken bewegen. Es geht unter Anderem um die Sexualität, die sich über viele Jahrhunderte in wechselnder Intensität im gesellschaftliche Leben ausdrückt.

Die Fotografie ist sozusagen ein Kulturfolger. Wer Bilder aus verschiedenen Epochen anschaut, wird schnell eine Art Sittenbild der jeweiligen Epochen erhalten. Da sich fotografisch immer nur ein Jetzt-Bild einfangen lässt, sind Fotografien immer Zeitzeugnisse. Selbst wenn mit großem Aufwand und Verkleidung eine andere Epoche nachgestellt wird, gibt es immer eindeutige Bezüge zur aktuellen Zeit. Diese Einflüsse mögen noch so klein sein, aber sie sind stets zu sehen. Trotzdem ist es für viele Fotografen ein Anliegen, sich fotografisch in eine andere Zeit zu versetzen. Dies mag in der Stilrichtung der Vergangenheit liegen, manchmal aber auch in der Zukunft.

Wer das Früher fotografieren will, hat es im Grunde leicht. Bildvorlagen gibt es zuhauf. Wer fotografische Sciencefiction betreiben will, der muss in die Zukunft schauen und ein Ambiente schaffen, das sich vom Heute unterschiedet und trotzdem einer nachvollziehbaren Entwicklung folgt. Dies ist schwieriger. Die meisten Fotografen vergessen dabei die Berücksichtigung der Einflussfaktoren von Sittenbild und Gesellschaftsausprägung. Es gibt tatsächlich hervorragende Fotografien, solche Zeitsprünge schaffen. Wer dabei hinter die Kulissen schaut, wird stets auf Fotografen treffen, die sich sehr ernsthaft mit dem Thema der Gesellschaftsentwicklung auseinandersetzen. Wir dürfen, egal wie freizügig oder prüde die eigene Grundhaltung ist, nicht die Einflussfaktoren der Sexualität vergessen.

Mit einigen Fotografenkollegen habe ich mir einmal den Ratespaß erlaubt, Bilder des Sujet „Street und Situationen“ nach ihrem Aufnahmedatum einzuschätzen. Als Gesamtbild wäre das einfach. Aber wir hatten uns darauf geeinigt, ausschließlich nach Bildausschnitten zu raten, die das menschliche Bein vom Oberschenkel bis zum Knöchel zeigen. „Das ist einfach“, wird mancher denken und vor dem geistigen Auge vielleicht die Minirock-Mode der 1960er oder die Schlaghosen der 1970er vor Augen haben. Wenn das alles so einfach wäre, hätte es uns keinen Spaß gemacht. Unter dem Strich haben wir alle versagt, obwohl es immer wieder zeitgenaue Treffer gab. Woran mag das liegen?

Der Mensch und sein Erscheinungsbild ist nicht auf einen Teilausschnitt zu reduzieren. Mehr als jede Mode wirken in jeder Epoche bestimmte Gesten, Körperhaltungen und Ausdrucksweisen. Zudem sind es oft die kleinen Merkmale, die scheinbar nebenbei das Gesamtbild einer Epoche abrunden. Trug man in den 1970er Jahren Uhren, die an Größe und Raumfahrtvisionen kaum zu überbieten waren, kamen in den frühen 1980er Jahren die sportlichen Uhren mit möglichst vielen Funktionen zum Tragen. In den frühen 1960er Jahren war es der Nierentisch, der im perfekten Stilausdruck mit der Hochfrisur des möglichst blonden Haares kombiniert wurde. Und auch in all diesen Beispielen ist die zeitgemäße die Anwendung der Sexualität nicht wegzudenken. In der prüden Zeit der 1960er Jahre drückten Büstenhalter die weibliche Brust pyramidenförmig in den Vordergrund, wobei frei schwingende Brüste das Signet der frühen 1980er Jahre waren.

Sex in the City, so die Überschrift dieses Blogartikels, zeigt sich am deutlichsten an öffentlich zugänglichen Orten. Selbstverständlich setzt sich dies in den Schlafzimmern fort, aber der Beginn des Gesellschaftsbildes ist auf den Straßen und Plätzen, in Cafés und Bars, an Bahnhöfen und Bushaltestellen zu finden. Im Grunde sind meine Gedanken über die zeitgemäße Darstellung ein Aufruf zur Street-Fotografie. Es mag sein, dass ich mich durch das winterliche Bild gerade nach den warmen Sonnentage sehne, an denen ich mit der Kamera los ziehen kann, um Sex in the City zu fotografieren. Und vielleicht sind gerade diese Nebengedanken über die epochale Berücksichtigung von bestimmten Nebensächlichkeiten eine Art Wachrütteln für Fotografen, nicht nur das Hauptmotiv zu sehen, sondern auch auf Kleinigkeiten zu achten.

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10 Antworten zu “Sex in the City”

  1. Michael S. Sagt:

    Das tolle an Deinen Beiträgen ist, dass ich, obwohl ich ein anderes fotografisches Feld beackere, immer was lernen kann.
    Eine Bushaltestelle über Jahre/Jahrzehnte hinweg und zu verschiedenen Uhrzeiten zu dokumentieren ist eine tolle Idee.

  2. Michael S. Sagt:

    Zitat: “Und vielleicht sind gerade diese Nebengedanken über die epochale Berücksichtigung von bestimmten Nebensächlichkeiten eine Art Wachrütteln für Fotografen, nicht nur das Hauptmotiv zu sehen, sondern auch auf Kleinigkeiten zu achten.”

    Ist das nicht das nackte Abenteuer direkt vor der Haustür?!!!

  3. golfiwang Sagt:

    Ich denke, der Sex ist in der City allgegenwärtig. Allein die Bewertung wird in Zukunft anhand der Bilder schwierig. Wenn man sich umschaut, sieht man kurze Röcke, schöne Beine und viel Haut, die jede Menge Sex verspricht.

    Das Versprechen wird aber nicht eingelöst.

    Zeigen ja. Ansonsten nix. Die Nullerjahre (und ihre Fotos) werden als leere Versprechungen, Anstacheleien und Präsentationsplattform in die Geschichte eingehen. Bilder, die im Schlafzimmer vielleicht aufgehängt, aber nicht ausgelebt wurden.

    Habe unlängst mit einem Kollegen (klassischer ’68er) geredet, der die Zeit analysiert hat. Seine Meinung und auch meine Beobachtung: In Zeiten von Unsicherheit, Aids und Kondomen wird eben mehr kokettiert als penetriert. Zumindest nach außen hin ;-)

  4. Michael K. Trout Sagt:

    Michael S., fotografisch ist es aus meiner Sicht unerheblich in welchem Sujet man sich selbst bewegt, wenn man auch aus anderen Gebieten seine Inspirationen ziehen kann. Deine Idee mit dem Bushaltestellen-Dauerprojekt finde ich sehr interessant. Mich faszinieren sowieso Bushaltestellen, aber habe sie selbst bisher nur selten ins Bild gerückt. Keine Ahnung warum.

    So ein Dauerprojekt stelle ich mir interessant vor. Da über 12 Monate und das über zwei oder mehr Jahre der permanente Wandel sichtbar wird, sind solche Projekte ein phantastisches Zeitdokument. Mach es! Das hört sich sehr gut an. Können wir uns überhaupt noch daran erinnern, wie die Menschen die Buswartezeit ohne iPhone überstehen konnten? Dabei hat erst vor 12 Monaten das “Ding” den Siegeszug begonnen. Vielleicht stehen in 12 Monaten die Leute mit iPad da rum und lesen ihre digitale Zeitung.

    Golfiwang, Deine Beobachtung finden wir in historischer Sicht immer wieder. Vor zwei Jahren prognostizierten Trendanalysten die Rückkehr der 1960er Jahre im Gesellschaftsbild. Irgendwie meinte man, das wäre ein Irrtum gewesen … aber tatsächlich sind gewisse Grundzüge sichtbar. Wer in die Kunstliteratur bei den 1960er Jahren nachschlägt, wird die Beurteilung finden, daß sich damals eine bürgerliche Frivolität bei gleichzeitiger Prüderie breit machte. Nur so konnte es zum Ausbrechen der 68er-Generation kommen. Werden sich in Kürze Parallelen finden? Stell Dir vor, wie sich das innerer und äußere Gesellschaftsbild verändern würde, wenn ein Impfstoff gegen AIDS gefunden wird. In den 1960er war dieser Veränderer die Pille. Ok, das war jetzt eine extreme Verkürzung. Aber das gedankliche Spiel ist interessant. Was wäre, wenn plötzlich die heutigen Versprechen in der Zukunft eingelöst werden? Wie würde das die Gesellschaft verändern? Oder würde sich die heute öffentliche Präsentation selbst überholen und ins genaue Gegenteil umschlagen?

  5. Michael S. Sagt:

    Langzeitprojekte und Edeldrucke haben ein gemeinsam, sie bremsen den schnellen Zeitgeist aus und führen Geist und Seele wieder zusammen.

  6. Michael K. Trout Sagt:

    Namensvetter, wie wahr!
    Schau mal hier [Link]. Vor wenigen Tagen habe ich über einen Kommentar bei Spürsinn die Seiten von Hannelore Redlich und Dieter Osler entdeckt. Seither kreisen diese Bilder in meinem Kopf. Irgendwie sind sie sehr passend zum obigen Artikel.

  7. Michael S. Sagt:

    Lieber Michael,
    wenn Du die Technik meinst kann ich Dir folgen. Von den Motiven her nicht mehr.

  8. Michael K. Trout Sagt:

    … mir geht es zunächst um das Grundsätzliche. Es gibt so viele Arten des Edeldrucks, so viele Arten der Ausdrucksweisen. Eine spannende, für mich noch nicht erforschte Ecke der Fotografie ist, welches Motiv in welcher Ausarbeitung wie wirkt.
    Ich nehme an, hiermit könnte ich die nächsten 10 Jahre verbringen. In meiner Bananenblatthütte werde ich damit ganz bestimmt experimentieren.

  9. Michael S. Sagt:

    Die Truppe ” Gesellschaft für photografische Edeldruckverfahren” mit der Homepage http://www.edeldruck.org/ kennst Du sicher, oder?

  10. Michael K. Trout Sagt:

    … ja klar, die kenne ich!
    Gute Ausführungen, aber auch manchmal nur ein Rudiment. Gerade bei den Edeldruckverfahren ist viel Wissen in den letzten Jahrzehnten über die Wupper gegangen. Leider.

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