Kleine Fotoschule – vom Wort zum Bild

Eine kleine Fotoschule ohne Beispielbilder? Wie soll das denn gehen? Heute möchte ich Tipps geben, wie gute Bilder entstehen, bevor man auf den Auslöser drückt. Ohne Technikeinsatz und ohne Wedeln mit gewaltigem Fachwissen gibt es eine Garantie für gute Bilder. Das Hilfsmittel hierzu ist außergewöhnlich preiswert. Es handelt sich um Worte. Ein gutes Bild beginnt mit Worten. Wir alle denken in Worten, drücken Gefühle in Worten aus, vermitteln Eindrücke mit Worten. In all den Jahren habe ich gelernt, zunächst mit Worte ein Bild zu beschreiben, bevor ich es mache.

Winterlandschaft. Am Wegesrand steht ein Baum. Seine blattlosen Äste sind mit Schnee bedeckt. Die Silhouette des Baumes reckt sich in den Himmel, drohend und finster, wobei sich der auf ihm lastende Schnee mit feinem Glitzern abhebt und der Szene einen freundlichen Ausdruck verleiht. Die Luft ist klar, gibt den Blick auf die umgebende Landschaft bis fast ins Unendliche frei. Alles Leben scheint unter dem Eispanzer des Winters zum Stillstand gekommen zu sein. Warten auf den Frühling. Der Baum ragt hoch in den Himmel und die Last des Schnees biegt Äste zu Boden. Das Aufstreben des starken Baumstammes steht im Gegensatz zu den herabgebogenen Ästen. Der klare Winterhimmel führt den Blick in die Ferne.

Sicher haben wir schon oft derartige Bilder gesehen. Einige konnten den hier beschriebenen Eindruck vermitteln. Andere wiederum waren nur Abbildungen eines Baumes in einer Winterlandschaft. Wie kommt das? Was sind die Hintergründe? Wir haben bereits in anderen Teilen der „kleinen Fotoschule“ kennen gelernt, dass die Vorbereitung auf ein Bild entscheidend ist. Ich sprach auch schon vom Fotokonzept. Viele Bilder gehen mir durch den Kopf, lange bevor ich sie fotografiere. Mit Worten beschreibe ich Bilder, die ich sehen möchte. Wenn ich dann mit der Kamera durch die Gegend laufe, erkenne ich dann die Situationen, die meinen geistigen Vorratsbildern nahe kommen. Da ich sozusagen meine Vorlagen schon im Kopf habe, fällt es leicht diese in genau der Art abzulichten, wie sie mir vorschwebt. Zudem hatte ich viel Zeit, Perspektiven und Bildaussage lange zurecht zu feilen, dass das Drücken auf den Auslöser nur die Krönung des fotografischen Prozesses darstellt.

Gehen wir nun in die Praxis. Die oben geschilderte Vision eines Winterbaumes hilft uns dieses Bild perfekt zu fotografieren. Wir müssen nur die Bestandteile dieser Vision analysieren und haben so die Garantie für ein gutes Bild, ohne technischen Schnickschnack und ohne Klimmzüge in der nachfolgenden Bildbearbeitung. Gehen wir also davon aus, dieses Bild im Kopf zu haben. Wie finden wir es? Grundsätzlich besteht kein Druck, keine Zeitvorgabe, bis wir endlich dieses Bild einfangen können. Es mag sein, dass wir im Hochsommer bei 30 Grad im Schatten die Vision vom Winterbaum bekommen. Die Jahreszeit ist im geschilderten Bild eindeutig festgelegt. Zudem muss es geschneit haben. Die richtige Lichtsituation können wir aus der Vision auch herauslesen. Daraus leiten wir den günstigsten Aufnahmemonat ab. Ende Januar bis Ende Februar finden wir genau dieses Licht. Besonders klare Lichtverhältnisse finden wir an Tagen, die uns mit -5 bis -25 Grad eher in der Nähe eines warmen Ofens locken. Egal, wer gute Bilder haben möchte, darf nicht zimperlich sein. Auch die beste Uhrzeit können wir aus der Vision herauslesen. Zwischen 9 und 12 Uhr finden wir das spezielle, oben beschriebene Schneeglitzern. Aber noch viel mehr können wir der Vision entnehmen. Sogar Perspektive, Bildschnitt, Brennweite und Blende sind im Vorhinein festgelegt.

Der Blick in die Ferne wird möglich, wenn das Hauptmotiv am unteren Bildrand zu finden ist. Auch wenn ein Baum groß und hoch ist, muss man sich für die Aufnahme recht weit in Richtung Boden bewegen. So wird das Aufragen des Baumes prägnant unterstützt. Die Brennweite ist vom Aufnahmeformat abhängig. Im Kleinbild sollten es 35 mm sein. Im 6×6-Mittelformat kann es die Normalbrennweite 80 mm oder auch ein 50 mm Weitwinkel sein. Mehr Weitwinkligkeit lenkt den Blick von der Aussagekraft des Baumes ab. Mit einem Teleobjektiv wird die Bildaussage der Weite zerstört. Wir wissen, auch die Blende unterstützt die Bildaussage entscheidend. An klaren Wintertagen erleben wir jedoch ein optisches Phänomen. Nicht die größte Blendenzahl bringt die beste Tiefenschärfe ins Bild. Bei kalter, klarer Luft ist der optimale Blendenwert für Landschaftsaufnahmen 8 oder 11. Dies liegt an kleinen Eispartikeln, die in der Luft schwebend wie Linsen die optische Wirkung verlängern. So, alles klar, das Bild ist fertig. Nun muss man nur noch aus dem Haus gehen und auf den Auslöser drücken.

Ernsthaft … ich habe noch nie ein solches Bild fotografiert. Sollte es mich jedoch an einem bitterkalten, sonnigen Februartag aus dem Haus treiben, weiß ich genau, dass ich ein gutes Bild einfangen werde. Genauso mach ich es übrigens mit all meinen Bildern. Im Kopf, in Worten, sind haufenweise Vorlagen fertig und warten nur noch auf die Umsetzung. Ständig produziere ich neue Bildvisionen auf Vorrat und notiere sie in der oben gezeigten Weise. Meine Chancen sind also gut, auch in den nächsten Jahrzehnten ständig gute Bilder zu machen … aber nicht nur für mich, da ich viele Fotografen kenne die in genau dieser Weise vorgehen. Es ist übrigens sehr leicht zu erkennen, ob ein Bild nach einer gut gereiften Vision fotografiert wurde, oder einfach nur ein Schnappschuss war.

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8 Antworten zu “Kleine Fotoschule – vom Wort zum Bild”

  1. kampffussel Sagt:

    interessante ausführung … und das beispiel tangiert mich ja mit meinem objekt der begierde. ;) dein beitrag regt mich mal wieder zum nachdenken … überdenken an. in dem sinne einen schönen sonntag gewünscht! :)

  2. berni Sagt:

    gestern hätte ich sehr fein solche im kopf hab fotos machen können.
    im hafen mit eisgang bei kaiserwetter., viel licht, viel schatten.
    aber nee, ich musste die ganze nacht winterdienst schieben, und lag tagsüber in sauer. verdammt.

  3. Michael S. Sagt:

    Ein Foto-Prof. gab mir vor 2 Jahren einen ähnlichen Tipp. Ich sollte alles aufschreiben was mich an meinem Dorf interessiert. Ich habe es gemacht. Das hilft wirklich.
    Manchmal skizziere ich mein späteres Bild in einem kleinen Notizbuch.

  4. boris Sagt:

    Ich gestehe – ich bin bislang der Schnappschusskönig. Hin und wieder versuche ich mich auch am Konzept aber fast immer überkommt mich die pure Begeisterung an der Sache, der Spieltrieb und ich muss einfach loslegen. Entsprechender Ausschuß inklusive – wobei mich das abwertende “nur ein Schnappschuß” etwas stört.

    Ob ich jemals in der Lage sein werde meine Traumbilder so ausgeklügelt und blumig umschrieben, vorbereitet mit techischen Details im Kopf zu konzeptionieren, weiß ich nicht. Trotzdem scheint der Weg sinnvoll zu sein. Die Fotografie ist wohl wie ein Spiegelbild des Lebens. Immer nur dahin dümpeln und sich in Belanglosigkeiten zu ergehen funktioniert auf Dauer nicht. Man sehnt sich nach einer Herausforderung, nach einer Aufabe. Die Kunst wird jetzt sein die explodierenden Synapsen mit Können und den richtigen Situation zu verbinden. Abgesehen davon ist auf Dauer das überlegte Vorgehen wirtschaftlich sinnvoller solange man nicht gerade Speicherkarten nutzt und Zeit als kostenfrei wertet…

    Es bleibt also spannend ;)

  5. illuminateblog » Es kann nicht immer Schnappschuss sein Sagt:

    [...] kleine Fotoschule von Herrn Trout mit seinem letzten Beitrag hat mich mal wieder ins Grübeln gebracht. Aus welcher [...]

  6. ka-el Sagt:

    Einer meiner Lieblingsätze lautet: “Fotografie beginnt da, wo man sich über die Technik nicht mehr unterhält!”
    Was mir noch auffällt beim lesen Deiner Ausführungen. Denken, über Bilder nachdenken, schonmal auf Vorrat denken! Doch scheint es mir, dass es den meisten Zeitgenossen schon Schmerzen bereitet, das aktuelle Pensum abzudenken!?
    Vielleicht der Grund für nicht so viele gute Bilder? ;-)

    Ich muss jetzt Schluss machen … es gibt noch viel nachzudenken!
    k.l.

  7. Michael K. Trout Sagt:

    ka-el, paß auf, es soll Fälle gegeben haben, bei denen sich die Hirnwindungen durch Nachdenken derart verwurstelt haben, daß ein Teil entfernt werden mußte *isch bin soooo böse* ;-)

  8. Tetti Sagt:

    Interessante Gedanken und vermutlich zielführend, wenn man ein ganz bestimmtes Foto/Bild im Hinterstübchen hat. Bei mir würde es vermutlich dazu führen, dass ich nur noch suchend durch die Botanik laufe, statt hinzusehen, was ich vorfinde. OK, ich bin kein Profi.

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