Kreativität, Kunst und Kontroverse
Das Drücken des Auslösers ist eine rein mechanische Fähigkeit. Wer fehlerfrei das Auslösen einer Kamera beherrscht, hat noch lange keine kreative Leistung vollbracht. Auch das spätere Ausarbeiten der zum Rohbild gewordenen Ablichtung beinhaltet nur ein begrenztes Maß an Kreativität. Worin ist also das zu finden, was wir allenthalben und vielerorts als Quell des volksbreiten Kunstschöpfens in der Fotografie vor Augen geführt bekommen? Kontrovers betrachtet leben wir in einer Bilderwelt, in der das meiste entweder als Kunstwerk oder als Sondermüll bezeichnet werden kann.
Seit über hundert Jahren wird die Fotografie vom kompromisslosen Verfechten kontroverser Denk- und Handlungsweisen belastet. Für die einen ist die Fotografie ein Zeitvertreib, ein Dokumentieren, Festhalten und Schaffen von Erinnerungswerten. Andere wiederum wollen ihrer Sicht auf Lebensumstände oder Gegenstände Ausdruck verleihen, ihre Empfindungen in Bilder bannen, Sehenswertes sichtbar machen und Sichtbares sehenswert ins Bild setzen. Niemand kann sich davon befreien, mehrere dieser Faktoren in seine Fotografie zu integrieren. Auch der schöne Begriff „Kunst“ spielt dabei eine gewichtige Rolle, wobei nicht jede Fotografie den Anspruch auf „Kunst“ erhebt, gleichwohl sich auch nicht jeder Fotografierende als Künstler sieht. Allgemeinsprachlich wird Kreativität jedoch oftmals in die Nähe der Kunst gerückt. Dies will ich nun auf den Prüfstand stellen.
Der Begriff „Kreativität“ bezeichnet die Fähigkeit eigenständig neue Problemstellungen durch Anwendung erworbener Fähigkeiten in eine Problemlösung umzusetzen. Die Anwendung erworbener Fähigkeiten auf dem Weg der Problemlösung wird als kreativer Prozess bezeichnet. Fähigkeiten sind ein Konglomerat aus technischem Wissen, deren Anwendung und haptisch-handwerkliche Fertigkeiten. Kreativität ist demnach die Lösung einer Problemstellung ohne Verfahrensanweisung oder Lösungsvorgabe. Somit wird eindeutig klar, dass in der Fotografie technisches Wissen ein Bestandteil der kreativen Problemlösung darstellt, jedoch nicht das alleinige Moment sein kann. Zumindest haptisch-handwerkliche Fähigkeiten sind ein Faktor mit erheblichem Einfluss auf das Endergebnis, ohne technisch messbar zu sein. Um zum Endergebnis zu gelangen, muss der Aufgabenrahmen definiert sein. Ein Problem ist immer eine Aufgabenstellung, die mit Schwierigkeiten verbunden ist. Bei der fotografischen Aufgabenerfüllung treten Probleme in diversen Ausprägungen auf. Um sie zu lösen, muss eine Aufgabenstellung in mehrere Unteraufgaben aufgeteilt und im Lösungsweg auf das Endergebnis ausgerichtet werden. Alle Einzellösungen verlangen zumeist nach Kreativität und fügen sich auf dem Lösungsweg zu einem Endergebnis zusammen. „Kunst“ stellt eine Unteraufgabe dar, falls in der Aufgabenstellung ein entsprechender Anspruch formuliert wurde.
Nun nun ist es niedergeschrieben, mein Substrat über die Kreativität. In halbwegs verständliche Worte gepackt, habe ich mir dann selbstkritisch die Frage gestellt, ob das Geschriebene zutrifft. Ja, jede fotografische Aufgabenstellung beinhaltet diverse Probleme. Egal, wie lange man schon fotografiert, es gibt niemals das Problemlose. Übung und Erfahrung helfen natürlich den richtigen Lösungsansatz zu finden … manchmal sogar in Sekundenbruchteilen. Eindeutig kann ich auch sagen, dass Kunst nicht automatisch ein Bestandteil der Fotografie ist. Entweder man macht es/sie oder nicht. Prima, jetzt habe ich mal wieder eine Hammerthese in die Welt gesetzt, über die ich lange nachgedacht habe und über die sich viele Menschen sicher noch länger Gedanken machen werden. Aber warum hat es mich heute zu diesem Artikel getrieben? Seit einigen Tagen habe ich die „LOMO LC-A“ in Händen. Einerseits ist das eine Sorgloskamera, mit der man allerhand Blödsinn veranstalten kann. Andererseits reizt das Gerät zur künstlerischen Bildgestaltung. Lomografie wird oft belächelt. Wer sich mit diesem Bereich nicht näher beschäftigt, wird lomografische Bilder als Zufallsprodukte und Filmverschwendung abtun. Aber es gibt auch andere Ansichten, wobei nicht all das, was mit einer lomografischen Kamera aufgenommen wurde, automatisch als kreativ, wertvoll und künstlerisch gelten kann. Kontroverser wird wohl kein Bereich der Fotografie diskutiert. Für mich war Anlass den Begriff „Kreativität“ und dessen Einfluss auf die Kunst zu klären, bevor ich mein Verhältnis zur „Lomo LC-A“ kläre. So ganz nebenbei ist mir wohl auch eine Entlarvung des fotografischen Dünkels gelungen. Ich weiß jetzt nicht, ob mich das in der Beliebtheitsskala nach vorne bringt.
Tags: Aufgabe, Fotografie, Kreativität, Kunst, LC-A, LOMO, Lomografie, Problem
08. Februar 2010 at 08:28
ist der versuch kreativität zu beschreiben nicht unkreativ? damit werden dem begriff schranken auferlegt, die kreativität eigentlich einreisst?
im zusammenhang mit der kreativität mag ich es nicht, wenn jemand sich dahingehend einschränkt, die kamera abc oder den film xyz nicht zu verwenden, weil … und jetzt folgen irgendwelche argumente! ich verbinde kreativität immer mit der bereitschaft, eingetretene pfade zu verlassen und ansichten über bord zu werfen, egal ob der neue wege was “bringt” oder nicht …
08. Februar 2010 at 18:20
Der Begriff „Kreativität“ bezeichnet die Fähigkeit eigenständig neue Problemstellungen durch Anwendung erworbener Fähigkeiten in eine Problemlösung umzusetzen. Die Anwendung erworbener Fähigkeiten auf dem Weg der Problemlösung wird als kreativer Prozess bezeichnet.
Gefällt mir gut die Pasage, passt zu meinen Überlegungen im Zusammenhang zu Kunst als Teil des Aneignungsprozesses. Aneignung findet immer dann statt, wenn Problemlösungen misslingen, also Kreativität gefordert ist.
Ich würde die These allerdings damit konkretisieren: die Anwendung von Fähigkeiten zur Problemlösung zzgl. der Fähigkeit neue Lösungswege zu suchen, zu gehen und das Ergebnis zu reflektieren.
Und was die Beliebtheit angeht… du könntest mal wieder nett zu illuminate Boris sein, den hast Du grad ziemlich zerlegt. Also ein bisschen. Hab ich den Eindruck.
08. Februar 2010 at 20:56
Abgesehen von der kommerziellen Fotografie, die mir gewisse Auflagen macht, ist in der freien Fotografie die “Problemstellung” das Produkt meiner eigenen Phantasie, denn ich werde ja zu nichts gezwungen. Also beginnt der kreative Prozess schon eine Weile vorher in der Ideenfindung oder Aufgabenstellung. D.h. die erworbene Fähigkeit zu denken (der erste kreative Prozess) mündet in eine Idee oder Aufgabenstellung, die ich wiederum mit erworbenen Fähigkeiten löse (zweiter kreativer Prozess). Das duale System der Kreativität – wow.
Was mein Seelenleben angeht, bin ich schon wieder auf dem aufstrebenden Ast, seitdem mir mein Therapeut diese kleinen Happy-Pillen verschrieben hat. Prosac rulez
09. Februar 2010 at 07:33
… die Jugend von heute, Fluoxetin nehmen aber Prozac falsch schreiben. Seufz!
09. Februar 2010 at 09:00
@kampffussel
Wenn ich mich so umschaue… dann lesen viel zu viele Leute einen Stadtplan und meinen kreativ zu sein, wenn sie ihn einfach nur verkehrt herum halten.
Man kann eben nur Wege verlassen, auf denen man sich befindet und die man zumindest von ihrem Belag her kennt
09. Februar 2010 at 11:37
@ Michael (R.) Der begriff Jugend baut mich noch mehr auf – danke
Ich schreibe nie mit orthographischem Absolutheitsanspruch. In diesem Fall ein bewusstes Vertauschen von s & z bei Medikament und Verb – kleines Wortspiel um möglichst keinen suchmaschinenrelevanten Begriff für ein Antidepressivum zu hinterlassen
09. Februar 2010 at 11:52
@boris: Ah, wie kreativ
09. Februar 2010 at 20:25
Nun wird die Diskussion schwer …
Als teilgebildeter Fotograf ist es nicht immer einfach, den studierten Wissensfundus in richtiger Form umzusetzen. Aufgeweckt hat mich gerade das Wort “Aneignungsprozess”.
Zitat aus dem Posting von Michael (R.): Aneignung findet immer dann statt, wenn Problemlösungen misslingen, also Kreativität gefordert ist.
Zudem schrieb er in seinem sehr lesenswerten Blogartikel “Wann ist Fotografie Kunst?” einen Hammersatz in seine schlußendliche Zusammenfassung: ““Kunst kann also nicht mehr und nicht weniger sein als die reflexive Kommentierung von Aneignungsprozessen”
Vorstehend wird gesagt: “Kunst entsteht in der Auseinandersetzung mit der Welt. Auseinandersetzung als Teil von Aneignungsprozessen ist mehrschichtig und reflexiv. Die erste Schicht bilden die aus den alltäglichen Aneignungsprozessen der (Leit- und Alltags-) Kultur herrührenden Verstörungen und Impulse. Das daraus entstehende Gefühl, eigenständig neues zu schaffen, benötigt ein Ausdrucksmittel”
Nun komme ich mit meinen Gedanken um die Kreativität daher und sofort drängt es mich, Einspruch zu erheben. Aber es will mir nicht so recht glücken. Was stört mich daran? Wo ist der gedankliche Haken?
Boris, “Das duale System der Kreativität – wow” ist genau das, was dicht am Wahnsinn entlang gleitet und unablässig treibt. Bei mir ist es jedenfalls so.
Kampffussel, betrachte Dich bitte als geistiger Vater des Blogartikels, der nun in Bälde folgt. Tilla hat mir mit ihrem Kommentar da gerade eine Autobahn geteert
09. Februar 2010 at 21:44
Wow! Hier sind immer wieder einige Kommentare dabei, die in meinen Augen ziemlich kreativ sind. Das meine ich übrigens positiv! Die Kommunikation auf diesem Blog ist wirklich beachtenswert.
Den Kommentar von Tilla finde ich überaus bedeutsam und ich meine, für mich eine Bedeutung daraus gefunden zu haben. Ich beneide manchmal dieses Talent, seine Gedanken so schön in Worte zu fassen.
Gruß, Ronnie
10. Februar 2010 at 23:58
Ich bin ganz bei Tilla,
ein kleiner Schlenker in die Malerei zeigt am Beispiel Picasso sehr deutlich, dass man gut beraten ist, erstmal seinen Lehrmeistern zu folgen um dann später seinen eigenen Weg zu suchen und vielleicht auch zu finden. Picasso hat ja bekanntlich, über die figürliche hin zur kubistischer Malerei, im Kubismus seinen Stiel gefunden.
Dieser Prozess hat auch ein paar Jahre gedauert. Also dieser alltägliche Aneignungsprozess der Kulturen und das tägliche Reiben an diesen Kulturen.
Das war bestimmt auch für dieses Wunderkind harte Arbeit.
11. Februar 2010 at 09:36
Aus philosophischer Sicht, ist es ja sicher interessant Kreativität zu definieren. Was mich daran stört, wenn dadurch eine Art Rezeptur entsteht. Ist Punkt 1 bis x erfüllt, ist es kreativ, wenn nicht dann ist es nicht kreativ.
Das beschneidet mir die Freiheit, die der Kreativität innewohnt zu sehr!
Für meinen Teil kümmert es mich wenig, nach dem Motto: “Was schert es eine Eiche, wenn sich ein Schwein dran kratzt?” Ähnlich ist es mit der Frage, ist es Kunst? Antrieb meines Tuns, ist weder das eine, noch das Andere herstellen oder sein zu wollen.
… vielleicht ist ja gerade das definitionsignorante Verhalten ein Bestandteil der Definition!?
11. Februar 2010 at 09:45
@ tilla: du hast die scheinbare kreativität hervorragend formuliert …
@ michael k. trout: ich bin gespannt …
11. Februar 2010 at 09:54
@ka-el: Da kann ich nur gegenhalten. Der Unwille sich mit Dingen auch formal und intelektuell auseinander zu setzen und das den Philosophen zu überlassen ist genau das, was uns in der Entwicklung ab einem bestimmten Punkt am meisten behindert.
Natürlich ist die intellektuelle Auseinandersetzung nur ein Teil der Entwicklung, aber als solcher unerlässlich.
Daher: Den Kopf anzustrengen kann Herz und Hand nicht schaden!
11. Februar 2010 at 10:44
@ Michael(R.) Ich habe nichts dagegen, den Kopf anzustrengen!
Habe ich aber auch gar nicht geschrieben!
11. Februar 2010 at 18:02
So, nachdem ich ja immer wieder mit Aneignungsprozessen argumentiere habe ich mir die Mühe gemacht, meine alte Masterarbeit nochmal aus zu schlachten und habe dne Teil über Aneignung und Subjekt mal in vier Blogposts zerlegt, die ich heute und morgen auf den Blog lade.
Die Komplettemasterarbeit für alle schlaflosen habe ich als PDF mit dazu.
Wer sich also mal richtig schwere Kost geben möchte: Nur zu!
Wenn daraus Futter für neue Diskussionen zum Thema Kunst, Künstler, Kultur und Subjektivität in der Fotografie entstehen wäre die Arbeit wenigstens für irgendwas gut gewesen.
15. Februar 2010 at 09:31
uff, uff, uff … ich hätte nie gedacht, mit diesem Thema eine so tiefgehende Diskussion anzustoßen. Es ist aber sehr interessant, welche Aspekte bewußt und unbewußt in das Kunstschaffen, resp. fotografische Schaffen hinein kommen.
Und wieder wird mit klar, daß Fotografie nicht immer Kunst ist, jedoch der Schaffensprozess ein erhebliches Maß an Kreativität erfordern kann. Wie gesagt: KANN. Nicht jedes Drücken auf den Auslöser ist kreativ, nicht jedes Bild ist das Ergebnis eines kreativen Schaffens.
Vor ein paar Tagen habe ich begonnen … wie angekündigt … eine weitere Auseinandersetzung mit Kunst/Kreativität/Fotografie zu schreiben. Leider bin ich immer wieder im Sand stecken geblieben. Erst jeztzt, nachdem ich mich ein wenig mühevoll durch die Aneignungsdefinition gewühlt habe, werden mir weitere Facetten bewußt. Ok, ich werde mal an meinem “Ding” weiter schreiben. Meine ganz persönliche Auseinandersetzung eben.
24. März 2010 at 19:36
[...] geraumer Zeit setze ich mich mit dem Kreativen in der Fotografie auseinander und ziehe die Leser meines Blogs in diese Gedanken hinein. Unlängst sagte mir ein [...]
24. März 2010 at 19:36
[...] Somit sind wir wieder am Anfang unserer Diskussion angelangt: Die fotografische Konstante ist die Kreativität. [...]