Vier Wege aus der fotografischen Krise
Wer sich ernsthaft mit der Fotografie beschäftigt, wird immer wieder in eine Krise hinein rutschen. Nichts will gelingen, kein Bild wird so, wie man es eigentlich haben wollte. Was zunächst mit einer leichten Verzweiflung beginnt, kann bis zur absoluten Fotoverweigerung führen. Krisenstimmung. Beruhigend kann man einwerfen, dass der Krisenbefallene nicht der erste und nicht der einzige Leidende in der Geschichte der Fotografie ist und auch Morgen und Übermorgen eine Vielzahl Fotografen darunter leiden werden. Ich selbst habe schon viele derartige Krisen überstanden und möchte nun ein paar Tipps zur Überwindung geben.
(1) Wechsele das Sujet
All zu oft höre ich, dass ein Landschaftsfotograf nur Landschaften fotografieren kann, ein Architekturfotograf nur Gebäude, ein Menschenfotograf nur Menschen und so weiter und so fort. Natürlich, jeder Fotograf entwickelt eine besondere Gabe, einen besonderen Blick für das Sujet, in dem er sich am wohlsten fühlt. Immer dann, wenn es jedoch im angestammten Sujet nicht mehr weiter geht, sollte man sich einer anderen Sache zuwenden. Dies muss nicht für alle Ewigkeiten sein, sondern nur als eine Phase der Inspiration genutzt werden. Es ist erstaunlich, was einem nach kurzer Zeit alles auffällt, was man vorher nicht beachtet hat. Selbstverständlich werden die Bilder in einem fremden Sujet nicht sogleich große Werke werden. Aber darauf kommt es nicht an. Schließlich ist es eine Art Urlaubsphase, in der man Neues versucht und Unentdecktes finden will.
(2) Wechsele die Kamera
Meine liebste Methode meine Fotografie frisch und interessant zu halten, ist das Wechseln der Kamera. Analog ist das natürlich wesentlich einfacher als in der digitalen Sparte. Manchmal treibe ich es so wild, dass ich urplötzlich mit einer Kamera von 1920 losziehe und mich auf die Eigenarten der damaligen Technik einlasse. Oder ich wechsele das Format. Kleinbild, Mittelformat, Großformat. Alles hat seinen Reiz und gleichzeitig spezielle Anforderungen, die mich aus der tödlichen Routine herausreißen. Wenn ich keine andere Wahl habe, also den bestimmenden Anforderungen des jeweiligen Kameratypes nachgehen muss, hebt mich das aus eingefahrenen Schienen heraus. Es ist grandios, wie aufmerksam man dadurch wieder mit seiner angestammten Kamera arbeitet.
(3) Fange an Neues zu sehen
Nach ein paar Jahren der Fotografie hat man sicherlich schon fast alles fotografiert, was man als interessant betrachtet. Klar, jetzt könnte man von Vorne beginnen und all das, was man schon einmal abgelichtet hat, noch einmal aufs Korn nehmen. Vielleicht werden die neuen Bilder besser als die alten. Aber damit geht man nur einen Wettlauf mit sich selbst ein, der nicht viel bringt. Viel spannender ist die Fotografie von Dingen, die man bisher nicht beachtet hat. Gibt es das denn? Gibt es Dinge, die man im täglichen Leben nicht beachtet? Natürlich! Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird nach kurzem Nachdenken einige dieser unbeachteten Dinge entdecken. Wenn einmal der Anfang gemacht ist, kommt immer mehr Unbeachtetes in den Blick. Wer hier nicht aufpasst, wird daraus schnell ein jahresfüllendes Projekt machen können. Und gerade dies Unbeachtete ist es dann manchmal, was in der Zukunft in ganz anderen Bildern als Nebenwerk wieder auftaucht und das Bild interessant macht. Beschreiben kann man das nur schwer, aber es funktioniert und sollte auf jeden Fall einmal in einer Krisensituation probiert werden.
(4) Beginne den Tag zu planen
Klar, Tageseinteilung und Zeitmanagement sind beliebte Themen. Aber das meine ich jetzt gar nicht. Ich denke an den Dienstagsbaum. Was ist denn das? Vielleicht gibt es auf dem täglichen Weg zur Arbeit einen Baum, an dem man an jedem Dienstag um 7:50 Uhr vorbei fährt. Nun kommt ein Tipp, der überhaupt nicht in einen Foto-Tipp passen will: Schau Dir den Baum bewusst und genau an, aber fotografiere ihn nicht! Das Ergebnis ist phänomenal. Unser Gehirn speichert dieses Bild, speichert die Veränderungen von einem zu nächsten Betrachten und macht daraus eine Vielzahl von Idealvorlagen. Mit etwas Übung kann man locker jeden Tag in der Woche mit einem anderen Blick „terminieren“. So schafft man sich eine Menge Stilvorlagen, die dann in einer Fotosituation an vollkommen anderer Stelle, an einem völlig anderen Ort abrufbar sind. Diese Vorlagen sind es, die große Bilder entstehen lassen. Man darf aber niemals den Fehler machen, irgendwann einmal den Dienstagsbaum zu fotografieren, weil sich dann die Idealvorlagen aus dem Gehirn löschen. Woran das liegt, weiß ich nicht, aber dass es so ist, das weiß ich mit Bestimmtheit.
Tags: Fotografie, Krise, Planung, Sujet, Tip
10. März 2010 at 10:43
1-2 kenne ich, an 3 probiere ich mich hin und wieder, der Dienstagsbaum ist absolutes Neuland. Obwohl man´s weiß, tut es immer wieder gut zu hören, dass man in seinem jammerlappigen Elend nicht alleine ist
10. März 2010 at 13:21
zu 4.: kannst du in meinem kopf schauen? genau diese gedanken sind mir am Mo durch den kopf geschossen …
10. März 2010 at 13:30
… wer macht den Anfang und gründet eine Selbsthilfegruppe? Anonyme Fotografen in der Krise? Am besten gleich noch ne Angehörigen Gruppe dazu.
http://mir52.wordpress.com/2010/03/10/umgang-mit-fotografischen-krisen/
10. März 2010 at 13:58
wow punkt 4 ist ja mal klasse. das werde ich definitiv mal versuchen. habe da so einen “dienstagsbaum” in form von bahngleisen.
10. März 2010 at 19:40
Tip 4 finde ich sehr genial. So mache ich es unbewusst schon sehr lange.
Wege aus der Kreativitätsfalle:-))
11. März 2010 at 22:44
Hallo Michael,
danke für Weg Nr. 4! Das klingt irre interessant!
LG
Ulli
12. März 2010 at 16:03
Was auch weiterhelfen kann: Sich mit anderen Künsten beschäftigen.
Ich habe gerade die Zeitschrift MACONDO mit dem Thema “Aufbruch” vor mir liegen, die auch für Fotografen recht interessant ist. Die Texte haben mich aus den Trott gerissen.
24. März 2010 at 19:37
[...] Kurzem habe ich vier Wege zur Bewältigung fotografischer Krisen beschrieben. Nun muss ich ja mal ganz ehrlich sein: Wer fotografiert und auf Dauer eine gewisse [...]