Unsere tägliche Belustigung gib uns heute

Leben wir in einer Spaß-Gesellschaft? Manchmal entsteht dieser Eindruck. Wer nun mahnend den Finger heben will, der soll es tun. Angeblich ist das Internet eines der treibenden und verantwortlichen Medien dafür. Amüsement ist eine treibende Sehnsucht des Menschen. Ich kann daran nichts Verwerfliches finden, solange es nicht der einzige Lebensinhalt darstellt.

Brot und Spiele war die einfache Methode, die bereits die Machtgierigen im Römischen Reich für sich zu nutzen wussten Wer die Masse auf seine Seite ziehen wollte, bot weitreichende Belustigung an und konnte sich als Gegenleistung auf Volkes Unterstützung verlassen. Dies ist ein Grundprinzip, auf das sich noch heute jedermann verlassen kann, der mehr erreichen möchte. Politiker greifen schon seit Urzeiten in diese Trickkiste. Die Römer waren gewiss nicht Erfinder dessen, gingen damit aber unübersehbar in die Geschichte ein. Noch heute können wir die Ruinen der römischen Belustigungsanlagen an vielen Orten besichtigen.

In allen Lebensbereichen gilt das Prinzip der Volksbelustigung. Fotografen nutzen die Methode „Brot und Spiele“ auch schon von jeher. Mir fällt auf, dass der Drang Belustigung zu bieten, zum unkritischen Umgang mit der Umwelt führen kann. Leser meines Blogs zeigen sich oft irritiert, dass ich nicht nur Fotografie thematisiere, sondern auch immer wieder mit spitzer Zunge an den Postamenten von Politik und Gesellschaft lecke. Vor gut einem Jahr habe ich mit der satirischen Staatsgründung von Kunstgeldilanda durch Belustigung das Nachdenken über die aktuelle Politik fördern wollen. Das Lachen blieb mir jedoch im Halse stecken, weil selbst das Absurde nur ein Abklatsch der Realität wurde. Gestern stand ich vor der Entscheidung, eine geeignete Form zu finden, um meinen Unmut über die Umtriebe von Guido Westerwelle in Worte zu fassen. Irgendwann ist Schluss mit Belustigung und auch der humorigste Mensch muss klare und unmissverständliche Worte finden. Ich sehe es als Bürgerpflicht, nicht nur in meinem selbstgebauten Aquarium der Fotografie zu schwimmen, sondern auch mein Umfeld zu reflektieren.

Insbesondere Fotografen haben sich in den letzten einhundert Jahren in Bildern und manchmal auch in Worten zu mahnenden Dokumentaren politischer und sozialer Umstände gemacht. Es würde den Rahmen sprengen alle Fotografen aufzuzählen, alle Epochen zu nennen oder auch nur im Ansatz einen Überblick der Themen zu geben. Warum habe ich gerade jetzt den Eindruck, dass sich die Mehrzahl der Fotografierenden heute mehr um Technik, als um sozialkritische Themen kümmern? Ist es leichter einen Effekt zu generieren, als eine Aussage ins Bild zu rücken? Ist es einfacher, das Leichtgängige zu präsentieren, als seine Meinung kund zu tun?

Tags: ,

14 Antworten zu “Unsere tägliche Belustigung gib uns heute”

  1. aebby Sagt:

    Sehr gut !!!

    > Ist es leichter … als seine Meinung kund zu tun?

    das ist wohl tatsächlich leichter.

  2. aebby Sagt:

    P.S. die Anlehnung des Titels an das “Vater Unser” ist wahrlich treffend. Vieles der medialen Berieselung und Berauschung trägt heute religiöse Züge, ohne dass einer der Werte (egal welcher) Religion bemüht wird.

  3. Tetti Sagt:

    Du weist doch, der gute (Internet-) Fotograf ist heute für alles offen. Dies gilt nicht nur für diese spezielle Spezies.

  4. Esther Neumann Sagt:

    Hallo Michael,

    mir gefällt Dein Blog. Auch wenn ich die letzte Zeit mehr gelesen als kommentiert habe.

    Es gibt hier keine Tradition der Meinungsverschiedenheit, also einer gepflegten Diskussionskultur. Zu oft habe ich erlebt, dass Menschen mit verschiedenen Ansichten sich zwar auseinandergesetzt haben – mit mehr oder weniger probaten rhetorischen Mitteln, ABER dieser Disput wirkte sich dann gleich auch auf den persönlichen Umgang (der oft nicht mehr stattfand) miteinander aus. So nach dem Motto: “Bist Du nicht meiner Meinung, so gehörst Du nicht mehr zu meinem Kreis.” Sozialkritische Äußerungen werden nicht als Teil einer Person wahrgenommen, sondern als “komplettes” ggf. ablehnenswertes bzw. “zu sanktionierendes” Merkmal.

    Wenn manche Arbeitgeber zum Beispiel das Netz durchsuchen nach “kompromittierenden” Meinungsäußerungen oder Bildern eines Bewerbers, so be- bzw. verurteilen sie ggf. die gesamte Person. Oft beschleicht mich der Eindruck, dass dies eher eine Tradition in Deutschland darstellt.

    Letztendlich bedeutet dies einen enormen Anpassungsdruck, wenn man sich ihm unterwirft. Und viel Druck braucht viel Ventil, um dies mal flapsig zu formulieren.

    Andererseits wird inzwischen viel Gewicht auf sog. Bildung und rationales bzw. abstraktes Denken gelegt, dass Gefühle scheinbar nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Vielleicht erklärt dies zum Teil die Technikverliebtheit vieler Fotografen? Technik selbst hat keine eigene Meinung. Man kann sie nachlesen. Man kann sie mögen oder auch nicht. Man kann mit ihr ggf. seinen “sozialen” bzw. “monetären” Status demonstrieren. Vielleicht wäre das anders in einer Umgebung, die verschiedene Meinungen und Sichtweisen mehr als Bereicherung erlebt als als “Bedrohung”? *schulterzuck*

    Ob wir in einer Spaßgesellschaft leben vermag ich nicht abschließend zu beurteilen. Doch denke ich, dass wir in einer Gesellschaft leben die Ablenkung von “den wirklich wichtigen Dingen” nur in einem sehr begrenzten (und “unverfänglichem”) Maße zulässt.

  5. Ulli Sagt:

    Hallo Michael,

    in wirtschaftlich/sozial härter und unsicherer werdenden Zeiten ist Bespaßung für kurze Momente eine Oase der (Pseudo-)Glücksseligkeit. War auch schon zu Nazi-Zeiten so. Leider.

    Was mich jedoch beinahe täglich aufs Neue ärgert, frustriert, schockiert, … ist die nihilistische Angepasstheit und Widerstandslosigkeit der heutigen Jugend. Das ist erschreckend.

  6. Michael (R.) Sagt:

    Au contraire. Die heutige Jugend… ein vielschichtiges Gebilde. Wir reden über die deutsche Jugend? Oder Jugend in Europa? Westliche Welt? Hm, knifflig, ich glaube die griechische Jugend hat uns schonmal das Gegenteil bewiesen.
    In der BRD gab und gibt es eine Reihe von Verschneidungen im Jugendbereich. Und nachdem die Jugendphase sich ja immer weiter nach hinten ausdehnt können wir ruhig auch die Kinder der siebziger (also z.B. mich) mit reinnehmen, das nimmt sich nur wenig.
    Aber zurück: Was ich hier durchzuhören meine ist die Kritik, die sich inhaltlich an der guten alten Zeit, vulgo: die Protestbewegung der späten sechziger bis Mitte der achtziger (vom Schahprotest bis Wackersdorf) orientiert.
    Herzlich willkommen im neuen Jahrtausend, so läuft das nicht mehr. Eine Lehre, die wir alle aus der guten alten Zeit mitnehmen können, und die die Jugend seit den Neunzigern uns vorlebt: Widerstand ist nur begrenzt sinnvoll. Und das wörtlich: Widerstand ist sinnvoll, wenn er sich gegen einkonkretes Ziel mit einer konkreten Strategie wendet.
    Protest als Lebenshaltung ist nicht (mehr) zielführend. Dafür sind die heterozentrischen Interessenlagen der Gesellschaft zu weit auseinander. Anders ausgedrückt: Protest als Lebenshaltung wendet sich gegen einen Mainstream, den es nicht mehr gibt.
    Ich erlebe in meiner täglichen Arbeit mit Jugendlichen keine Angepasstheit oder Widerstandslosigkeit. Es gibt (gerade im Osten) eine aktive und widerständige Jugendszene, die vielen bunten Wände zeugen davon und wer mit den Jugendlichen spricht kennt auch ihre Widerstandsformen. Widerstand gegen Rechts, nicht weil er hip ist, sondern weil er notwendig und sinnvoll ist.
    Anders sieht die Lage im südwesten der Republik aus. Hier, im Wohlstandsgürtel des Landes, haben die Jugendlichen andere Ziele und Perspektiven und wer, wie in anderen Landesteilen durchaus üblich, nach der Schule in die Arbeitslosigkeit driftet, wird viel schneller als Verlierer eingestuft und fühlt isch abgehängt. Ergo investieren diese Jugendlichen die Energie in die Suche nach Erfolgschancen und stehen richtig unter Druck. Das ist bedauerlich, aber nicht deren Verantwortung sondern unsere, als Erwachsene. Es ist unsere Welt, in der sie leben und der sie es nicht recht machen können. Kinder, die mit fünf zweisprachige Kindergärten besuchen, nicht weil die Eltern verschiedene Sprachen sprechen (dann wären deutsch-russische und deutsch-türkische Kindergärten in Mode)
    , nein, damit der Kleine schon in der ersten Klasse in perfektem Buisiness Englisch seine Application fürs Praktikum schreiben kann. Arrrrg!
    Das gute daran: Diese Kinder sind auch nicht lebenstüchtiger. Sobald sie sich ausserhalb ihres Habitats bewegen müssen, sind sie aufgeschmissen. Köstlich!

    Zur Technikphilie, die wir mit Humorvollen Worten hier begleitet wissen: Da stimme ich Esther in gewissem Umfang zu, Technik ist beherrschbar.
    Es gibt in der Pädagogik den Begriff der Selbstwirksamkeit. Damit wird umschrieben, dass wir alle das Gefühl brauchen, in unserer Umwelt Dinge bewirken zu können, Veränderungen herbei zu führen etc.
    Je komplexer und vermittelter unsere Lebensräume und Lebensumwelten werden, desto seltener kommen wir in die Lage uns als Selbstwirksam zu betrachten.
    Technik, so sie beherrscht wird, gibt uns in kleinen Dosen dieses Gefühl zurück.
    Und zu guter Letzt: Was sind denn die wirklich wichtigen Dinge? Unser displayabklebender Nachbar fotografiert viele Hochzeiten. Auch wenn ich da persönlich so meine ganz eigenen Ansichten zum Heiraten habe: Manche Leute finden ihre Hochzeit echt wichtig und die Fotos die da entstehen umso mehr. Und bei der Beschäftigung mit den Bildern von Jeff Ascough habe ich meine Meinung über richtige(!) Hochzeitsfotografen gleich mal geändert.
    Da ist so manches, was derzeit als sozialkritische Fotografie vertickt wird nur ein Abklatsch längst bekannter Klischees von Armut und Isolation. Beide Phänomene sind, letzter Satz, in Wirklichkeit viel subtiler und so sollten sie auch dargestellt werden. Da habe ich noch nix gefunden zu.

  7. Ulli Sagt:

    Oh, da bin ich wohl ein klein wenig missverstanden worden. Ich bin kein Verfechter des Protestes als Lebenshaltung. Und obwohl nunmehr auch schon vierzig, bin ich dennoch nicht alt genug, um die Protestbewegungen von den End-Sechzigern bis in die Früh-Achtziger aktiv miterlebt zu haben. Bei meiner ostdeutschen Herkunft (“Tal der Ahnungslosen”) zudem eh nicht möglich. :-)

    Natürlich gibt es auch unter Jugendlichen (und Junggebliebenen) einen Anteil, der sich aktiv mit unseren gesellschaftlichen/politischen Defiziten auseinander setzt. Sehr eindrucksvoll erst kürzlich am 13. Februar in Dresden erlebt. Bei dem anderen, weitaus größeren Teil scheint mir aber das Desinteresse um so größer. Das zeigt sich tagtäglich. Da sind beispielsweise Attac-Gruppen in Großstädten beinahe Seniorenvereinigungen (selbst erlebt!). Oder: Warum lassen sich Studenten so rückgratlos zum Spielball des Bologna-Prozesses machen?! Für mich nicht ganz erklärbar, denn es geht schließlich um ihre eigene Zukunft.

    Sind dieser Generation vielleicht einfach nur die Vorbilder abhanden gekommen?

  8. Michael K. Trout Sagt:

    @Aebby, ist es nicht so, daß wir in einer Epoche leben, in der viele Überzeugungen mit religiösem Eifer gepflegt werden?

    @Tetti, Internet-Fotograf ist eine treffliche Wortschöpfung!

    @Esther, Danke für Dein Lob! Ich weiß, daß viele Menschen “bei mir” nur lesen. Es ist auch nicht schlimm, daß nur wenige Kommentare unter den Blog-Artikeln zu finden sind … aber die, die da zu finden sind, haben oft mehr Inhalt als einige Artikel auf viel kommentierten Blogs. Dies finde ich wundervoll und danke meinen Lesern dafür.
    Die aktuelle Auseinandersetzungskultur … es ist ja weniger eine Diskussionskultur … neigt eher zur Polarisierung, als zum offenen Meinungsaustausch. Das lange Gedächtnis des Internet hat da eine gewaltige Auswirkung => wer zu deutlich Farbe bekennt, wird all zu oft angreifbar bzw. empfänglich für Repressalien. Aber das ist nicht neu, sondern nur dank Google auf eine neue Qualität gehoben worden. Trotzdem lohnt es, für seine Meinung einzustehen.

    @Ulli und Michael (R.), war es nicht immer so, daß nur ein kleiner Teil der Bevölkerung zur kritischen Reflexion des aktuellen Gesellschaftsstruktur bereit war? Die Bereitschaft zur offenen Protesthaltung “funktioniert” nur in zwei Ausprägungen: (a) auf Basis einer sozialen Unabhängigkeit und Sicherheit; (b) als Ventil, wenn Mißstände bedrohlich für die persönliche Zukunft sind. Beide Zustände können wir heute nicht als gegeben ansehen. Deshalb beobachten wir, meiner Meinung nach, einen Mangel an Protestbereitschaft.
    Zudem habe ich das Gefühl, daß heute die Sicherung des Erreichten, also des Ist-Zustandes, der Unsicherheit des “Neues wagen” vorgezogen wird. Natürlich kann ein neuer Weg auch ein Irrtum sein. Die Chancen stehen 50:50, wenn man von der bisherigen Richtung abweicht. Somit ist es eine vermeintliche Sicherheit, im Zug der Lemminge mitzulaufen. Obwohl es schwierig ist, in der Lemming-Masse als Individuum erkennbar zu sein, versuchen doch Einzelne die Profilierung. Ein Paradox der aktuellen Gesellschaft. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Protesthaltung als individuelle Ausdrucksform ist heute nicht unbedingt modern, aber ich sehe schon eine stattliche Anzahl Menschen, die bewußt aus dem Zug der Lemminge austreten.

  9. Michael (R.) Sagt:

    “Obwohl es schwierig ist, in der Lemming-Masse als Individuum erkennbar zu sein, versuchen doch Einzelne die Profilierung.”
    Im gegnteil, das Individuum steht heute unter der Prämisse, dass es einzigartig sei bzw. zu sein habe. Wer seine Individualität heute nicht zu Markte trägt gilt als Unmodern und Verlierer. Gleichzeitig wird der Anspruch der Konformität implizit mitgeführt, wer sich nicht anpasst verliert genauso. Was will die Gesellschaft also? Den angepassten Lemming im individuellen Stil. Damit wird Individualität zur Stilfrage umgedeutet! Dieses Phänomen kennen wir bereits aus der Mode, wo permanent Protestbewegungen kolonialisiert wurden (Vivian Westwood und der Punk….) und aus der bildenden Kunst. Letztlich zeigen sich hier wieder die Folgen der Kapitalisierung von Kunst.

    Ich verweise da nochmal auf den Subjektbegriff Winklers:
    Der Begriff des Subjekts macht den in der Moderne gegebenen Zwiespalt zwischen Individualisierung und Disziplinierung, somit die conditio humana in ihrer bürgerlich-kapitalistischen Fassung einer neuen Interpretation zugänglich. (näheres unter http://mir52.wordpress.com/2010/02/11/subjekt-und-aneignung-teil-1-der-subjektbegriff/)

  10. Tetti Sagt:

    >>Zudem habe ich das Gefühl, daß heute die Sicherung des Erreichten, also des Ist-Zustandes, der Unsicherheit des “Neues wagen” vorgezogen wird. <<

    Sehe ich auch so. Solange man gemeinsam in der "Schei.." sitzt, packt man an, reicht dem Nachbarn die Hand – man braucht jeden Helfer. Alle sehen nach oben und haben ein genaues Ziel vor sich. Hat man die Pyramide gemeinem mit viel Schweiß und Fleiß errichtet und stabilisiert, so beginnt man nach unten zu treten. Jeder, der hoch kommen will, wird behindert, er könnte ja einem den eigenen, erhobenen Standort streitig machen.

  11. Michael K. Trout Sagt:

    Michael (R.), das sehe ich jetzt ein wenig anders. Insbesondere in der Mode wird nur das “alltagstauglich”, was anders ist, jedoch nur dann gakauft/getragen, wenn es eine breite Anerkennungsbasis hat. Dies führt zu Edelmarken, die zwar hohe Anerkennung genießen, jedoch nicht allgemein verfügbar sind (entweder weil limitiert oder weil der Preis außerhalb der Interessentenreichweite liegt). Der angepasste Lemming wird heute nur als Gruppenmitglied anerkannt, wenn er eine Scheinindividualität (er/sie hat einen eigenen Stil) kultiviert, sich jedoch nur aus dem Fundus des Anerkannten “bedient”.

    Tetti, Du hast einen weiteren, sehr wichtigen Aspekt genannt, der aber schon so alt wie die Welt ist. Bedrückend wird das heute nur, weil sich eine recht homogene/breite Gruppe mit wenig Unterscheidungsmerkmalen des Einzelnen um wenige Plätze an der Spitze bemühen … mit allen Mitteln bemühen. In der Fotografie ist da der Vampirismus übrigens ein beliebtes “Spiel”. Da wird von Wenigwissern bei Vielwissern so lange wissensheischend rumgeschleimt, bis die Dannnichtmehrwenigwisser glauben, alles besser zu wissen und sich in Guru-Höhen aufschwingen. Das wäre in Ordnung, wenn es nicht ausschließlich abgekupfertes Wissen wäre. Mittels Internet ist das heute sehr leicht möglich. Aber solange Wiki-vorne-und-hinten und Google-Fragmente ausreichen, geht der Spitzenplatz dann verloren, wenn (a) der Recherche-Fundus aufgebraucht ist, (b) wenn ein anderer Ellenbogeneinsetzer den Platz beansprucht, (c) wenn keine Steigerung auf der Belustigungsskale geboten werden kann.

  12. Michael (R.) Sagt:

    @Michael K. Sag ich doch, oder nicht? Ich glaube wir meinen das gleiche, nur anders gewichtet und ausgedrückt.
    @Tetti: Ja, das ist ein bekanntes Phänomen und läuft in der Soziologie unter dem Stichwort Reziprozität von Notlagen/Interessenslagen/Bedarfslagen (je nach Zuschnitt).
    … und hat nicht googles scholar das Motto Newtons übernommen: standing on the shoulders of giants! Gut in dem Fall sind es manchmanl eher die Schultern von Zwergen, die auf Zwergen stehen aber gut, man nimmt was man kriegt.
    Aber als professioneller Klugschnacker sage ich: An ihren Taten sollt ihr sie messen, nicht an ihren Worten!

  13. Esther Neumann Sagt:

    Was die viel beschworenen Vorbilder angeht: ich glaube es ist komplizierter. Einerseits gibt es zu Viele davon. Anderseits ggf. zu wenig. Und vielleicht gibt es andererseits wiederum “zuviele” Möglichkeiten des Rückzugs.

    Man merkt vielleicht, dass ich das Wort “Vorbild” nicht so mag. Denn ich glaube – das was gemeint sein könnte – hat mehr mit vorleben bzw. nicht-vorleben zu tun.

    Mit dem Polarisieren hast Du vollkommen recht. Es ist etwas, dass mich erschreckt. Immer wieder aufs Neue – vor allem dann, wenn es dargeboten wird, wie die Predigt eines “charismatischen Gurus”. Am meisten kotzt mich an, dass später dann von “Objektivität” oder “Sachlichkeit” gesprochen wird. Also genau von dem – was meinem Eindruck nach – nicht zu erkennen war.

    Ein zweiter Punkt der mir immer wieder irritiert: Die angebliche Zementierung von Wesenszügen oder Verhaltensweisen, die unterstellt wird. Also wenn ich als Teenager mal einen über den Durst getrunken habe bleibt das so erhalten. Wenn ich mal das oder das gesagt oder gedacht habe – wird sich diese Ansicht nie wieder ändern. Und so weiter und so fort.

    Ein Teil von mir möchte einfach nicht glauben, dass manche dieser Menschen anderen gerade das zum “Vorwurf” machen, was sie von sich selbst kennen, aber vielleicht nicht mögen.

    >>> Da ist so manches, was derzeit als sozialkritische Fotografie vertickt wird nur ein Abklatsch längst bekannter Klischees von Armut und Isolation. Beide Phänomene sind, letzter Satz, in Wirklichkeit viel subtiler und so sollten sie auch dargestellt werden. Da habe ich noch nix gefunden zu. <<<

    Mich hat die Ausstellung von Jonas Bedendiksen in der Berliner c/o sehr gut gefallen. Das Buch dazu: So leben wir – Menschen am Rande der Megacitys. Er hat die Menschen – bei denen er eine zeitlang lebte – selbst zu Wort kommen lassen und Bilder von ihren vier Wänden gemacht. In der Ausstellung … man ging in die Räume und hörte die Menschen, die dort wohnen, erzählen.

    Anders lässt sich subtile Isolation, Armut und Gewalt vielleicht nicht darstellen? Letztendlich werden aber nur die Menschen, die Augen und ggf. Ohren offen halten, die dafür offen sind … oder?

    Vor ein paar Wochen für ein pfeifender Radfahrer über die Frankfurter Fressgass. Er pfiff fröhlich. Die Reaktionen der Menschen auf ihn war sehr unterschiedlich. Aber keinen habe ich lächeln sehen. Wut, Unglauben, Genervtsein überwog in ihren Gesichtern. Dann zwei junge Herren: sie sahen ihm nach, gestikulierten mit den Händen "Plemplem" und bemerkten übereinstimmend: "Der ist verrückt und gehört wohl in die Klapse."

    Das hätte ich gern im Bild festgehalten. Aber ohne ein paar erläuternde Worte wäre das wohl auch nicht gegangen … auch bei einer nachgestellten Szene.

  14. Michael K. Trout Sagt:

    Michael (R.), ich hab noch mal Deine Kommentierung nachgelesen … stimmt, jetzt ist mir klar, wir meinen das selbe (oder ist es das gleiche?) und äääh, ja, passt schon ;-)

    Esther, ist es nicht ein einmaliges Zeitzeugnis, daß ein fröhlich Pfeifender alleine durch sein Auftreten den Eignungsschein für die Klapsmühle zugesprochen bekommt? Das sind Zeitzeugnisse, die sich nicht in einem Foto als Kondensat der Realität einfangen lassen.
    Mir fällt in diesem Zusammenhang Dian Arbus ein, die sehr subtil die gesellschaftsprägenden Disharmonien einfangen konnte.
    Über die Zementierung und Konservierung von “Taten” und deren langfristige Auswirkungen denke ich noch ein wenig nach.

Hinterlasse eine Antwort