Bekenntnis eines guten Voyeurs
Mittlerweile bin ich in meinem Amazonasdelta angekommen. Selbstverständlich wohne ich jetzt nicht inmitten wilder Ureinwohner am fernen Amazonas, sondern in einer netten, beschaulichen und gleichzeitig weltmännisch-verschlafenen Stadt in einem Land, das sich noch immer Deutschland nennt und gerade von kleinstaatlich denkenden Politikern ein wenig herunter gewirtschaftet wird. Deutschland hat schon schlimmere Dummschwätzer überstanden und so sehe ich auch für die Zukunft wieder rosige Zeiten. Jedenfalls lebe ich nun hier, habe mich langsam eingerichtet und entdecke mit den Augen des Voyeurs meine neue Welt. Gute Fotografen müssen Voyeur sein. Unbedingt. Daran geht kein Weg vorbei.
Heute Früh stand ich rauchend auf dem Balkon. Irgendwie muss ich mich daran gewöhnen, dass mir nach langen Jahren des Landlebens nun Häuser etwas näher gerückt sind. Dschungel. Ich weiß nichts über meine direkten Nachbarn, will auch nichts über sie wissen. Es ist ein Kennzeichen unserer Hochkultur, dass wir immer mehr über Menschen wissen, die sich weit entfernt von uns befinden und gleichzeitig lehnen wir die Nähe zu den Nahen ab. Ein Paradox. Aber ich denke, es existieren bestimmt schon wissenschaftliche Studien, die Licht in dieses Mysterium bringen. Mir gibt die jetzige Konstellation Gelegenheit, meinem Fotografenauge Futter zu bieten. Ein guter Fotograf ist immer ein guter Voyeur.
Ich stand also rauchend auf dem Balkon und mein Blick streifte ziellos über die vielen Fenster der gegenüber liegenden Nachbarschaft. Manche Fenster waren noch dunkel, andere ließen durch verschlafenes Licht die Stimmung der Raumbewohner erahnen. Hinter einem dünnen Vorhang konnte ich einen schlanken, mit Sicherheit jungen, nackten Mann erkennen, der sich in kurzen Abständen offenbar liebevoll weckend immer wieder niederbeugte und schließlich einen großen Kaffeepott ins Zimmer brachte. Es war ein schöne, sehr angenehmes, nahezu zärtliches Schauspiel. Irgendwann erhob sich eine weibliche Gestalt, reckte sich und trottete nackt dem nun aus dem Blickfeld Entschwundenen hinterher. Das Beobachten der Szene war mir nicht peinlich … eher im Gegenteil sehr angenehm. Ich habe es genossen Voyeur zu sein und der Fotograf in mir begann auf Hochtouren zu laufen. All das waren keine Bilder für meine Kamera. Aber das Beobachten war für mich wie ein Besuch an einer Tankstelle. Mein Ideenvorrat wurde aufgefüllt. Nur der Fotograf, der sich ständig mit realen Szenen des Lebens auffüllen kann, wird am Ende große Bilder erschaffen. Ich bekenne mich dazu, ich bin ein Voyeur, weil ich Fotograf bin.
Tags: Amazonasdelta, Fotograf, Voyeur
17. März 2010 at 11:03
>> Amazonasdelta … netten, beschaulichen und gleichzeitig weltmännisch-verschlafenen Stadt in einem Land, das sich noch immer Deutschland nennt und gerade von kleinstaatlich denkenden Politikern ein wenig herunter gewirtschaftet wird. <<
Hat es dich an die Wupper verschlagen? Remscheid, Solingen, Wuppertal etwa?
17. März 2010 at 11:21
Für mich die reinste Form der Fotografie, nur mit den Augen, befreit von jeglicher Technik.
k.l.
17. März 2010 at 11:40
eine schöne geschichte … gut geschrieben
19. März 2010 at 11:59
Tetti, an oder über die Wupper bin ich nicht gegangen
ka-el, stimmt, auch wenn ich mich in meinem Alter dann doch schon mit der eine oder anderen Hilfsoptik befassen muß
Kampffussel, heute Morgen durfte ich wieder schauen und es war noch immer schön. Ich habe mir die Szene notiert und werde vielleicht daraus eine ganze Fotogeschichte machen. Die Idee ist da.