Fotografische Krisenbewältigung in einer Stunde
Vor Kurzem habe ich vier Wege zur Bewältigung fotografischer Krisen beschrieben. Nun muss ich ja mal ganz ehrlich sein: Wer fotografiert und auf Dauer eine gewisse Qualität halten möchte, wird ständig in Krisen verfallen. Also müssen wir uns über einen Weg unterhalten, mit dem ich schnell und zielsicher diese Krisen zu den Akten legen kann. Ich erledige das so, indem ich meine diversen Kameras einfach in die Schublade lege.
Ein Taucher der nicht taucht, taucht nicht. Ein blöder Spruch mit viel Wahrheit. Ich bin Fotograf und gehe zur Krisenbewältigung ohne Kamera fotografieren. Was soll das denn? Die Erklärung ist ziemlich einfach. Wenn ich mit einer Kamera durch die Lande laufe … im Grunde habe ich zumeist mehrere Kameras dabei … sehe ich immer nur das kamerageeignete Bild. Über die Jagd nach dem ultimativen Foto habe ich schon häufig geschrieben. Bekannte sagen mir, ich hätte einen Kamerablick, sobald ich einen Fotoapparat in Händen halte. Das stimmt irgendwie, weil ich mit der Kamera für gewisse Szenen blind werde. Ich suche mein Bild, ich gehe auf die Jagd. Nicht umsonst gehen Jäger auch einmal ohne Gewehr in ihr Revier. Wer nicht auf der Jagd ist, sieht plötzlich mehr. Aber anders als der Jägersmann gehe ich ohne Kamera fotografieren. Ich sprach im Blogartikel der Krisenbewältigung vom Dienstagsbaum und seine Wirkung auf unser Sehverhalten. Nun setze ich einen oben drauf: Ich habe einen Motivmerker.
Seit vielen Jahren trage ich immer einen Reporterblock bei mir. Es ist ein Relikt aus der zwar kurzen aber intensiven Zeit bei der Presse. Damals habe ich mich an den Reporterblock gewöhnt. Immer wenn mir etwas auffällt, ich eine schöne Location sehe, mir eine Bildidee kommt, dann schreibe ich das auf. Zwar wird mir unterstellt, dass ich ein gutes Gedächtnis habe, aber meine innere Festplatte ist einfach nicht groß genug, um mir alle wichtigen Einzelheiten freihändig zu merken. Mein Reporterblock (Achtung Werbung, aber ihr sollt ja sehen wie das Ding aussieht) ist voll mit wilden Skizzen und Notizen. Manchmal hilft mir schon das einfache Blättern aus dem Krisenloch heraus. Und hier kommt auch wieder der Dienstagsbaum zum Tragen. Er ist für mich die Referenz. Es wird sehr leicht, eine neue, unbekannte Szene, ein neues Motiv zu beschreiben und zu merken, wenn man den Dienstagsbaum als Vorlage nutzt. Somit werden meine Notizen zum Motivmerker und der Dienstagsbaum zur selbstverständlichen Referenz. Ich muss also nicht zwingend mit der Kamera los schieben, um ein Bild einzufangen. Aber ich halte schon einmal fest, an welchem Ort ich ein Bild einfangen kann oder welche Szene interessant wäre, wenn ich ein gutes Bild „holen“ will. Wir haben uns ja schon häufig darüber unterhalten, dass nicht der Schnappschuss, sondern das geplante Bild erst die wirkliche Größe entfalten kann. Dies bedeutet ja noch lange nicht, dass alles in Szene gesetzt und gestellt werden soll. Ich muss nur wissen, was ich wo und wie „abholen“ kann.
Zwingt mich der Motivmerker zu den immer gleichen Plätzen und Motiven? Nein! Ich habe Bilder in meinem Kopf, die ich irgendwann einmal machen möchte. Sehr oft ist jedoch dazu noch nicht die richtige Örtlichkeit gefunden oder die Tageszeit passt nicht oder es fehlen die richtigen Menschen oder alles zusammen will nicht harmonieren. Mein Motivmerker im Reporterblock gibt mir die Möglichkeit, immer wieder das eine oder andere Detail zu „alten“ Notizen hinzuzufügen oder … was schon häufig passiert ist … ich treffe einen Menschen der zu einer fotografischen Szene passen würde, aber die Fotogelegenheit ist nicht da. Also spreche ich diesen Menschen an, zeige meine Notizen, komme ins Gespräch, man tauscht Adressen aus (ich schreibe diese am liebsten in meinen Motivmerker) und so ist das erträumte Bild ein ganzes Stück weiter in Richtung Realität gerückt. Zumeist entstehen daraus übrigens wieder neue Ideen und so setzt sich das fort. Der Motivmerker schützt nicht vor fotografischen Krisen, aber er verkürzt die Bewältigung enorm. Übrigens habe ich den Trick von anderen Fotografen abgeschaut, die deutlich mehr Berechtigung zum Tagen des Titels „Meister der Fotografie“ haben, als ich.
Tags: Bewältigung, Fotografie, Krise, Krisenbewältigung, Location, Motiv, Reporterblock
19. März 2010 at 20:42
Ach, was wäre die Welt ohne Spürsinn …
19. März 2010 at 23:53
Je länger, öfter und intensiver ich mich mit Photografie beschäftige, desto mehr sehe ich, welche Blogs wichtig und gehaltvoll sind
Danke für das Teilen von Erfahrungen und Wissen.
Gruss Alex
20. März 2010 at 06:31
Ach Ulli, da sachste wat …
Alex, vielen Dank für das große Lob!
20. März 2010 at 13:53
Kurz bevor ich Deinen Artikel las, bekam ich von einem Bekannten ein Foto zugemailt. Er muss ebenfalls diesen Motivmerker praktizieren. Bei diesem Foto – das Motiv steht schon seit Jahren auf meiner mentalen Festplatte – passt alles. Ginge ich heute – 1 Woche später – hinaus, ich könnte das Foto nicht mehr so punktgenau anlegen.
Und nun merken: Block und Bleistift einpacken!
Angenehmes Wochenende
Michael
21. März 2010 at 10:29
schicke werbung.
aalso, ich werd die nächsten tage ne handvoll filme bestellen. wenn ich einen karierten reporterblock mit persönlicher widmung von tilla und dir bekomme, bestelle ich ihn mit
21. März 2010 at 10:54
Tetti, in meiner Lehre war ich vollkommen davon genervt, daß ich ständig und immer wieder Notizen machen sollte. Im Studio, in der Duka … einfach überall und alles. Recht erfolgreich habe ich mich darum gedrückt und bedaure das heute.
Meine Notiz-Organisation ist sowieso recht interessant und folgt heute den Traditionen, die ich im Jugendwahn so sehr ignoriert habe.
Unterwegs, für Fotoideen und Dienstagsbäume den oben beschriebenen Reporterblock.
Für Kundenaufträge und für meine Studiosessions nutze ich ein Studiobuch. Die “Dinger” sind mittlerweile viel mehr als nur eine Rückschau. Hier bleiben Menschen in Erinnerung, die vor meiner Kamera standen, von denen ich zwar Bilder habe aber mit ihren Widmungen beim Blättern wieder sehr lebendig werden. Zusammen mit den gesammelten Erfahrungen, die ich auch darin notiert habe, ist das ein gigantischer Fundus. Glaube bloß nicht, daß ich alles Wissen und Best Practice im Kopf habe. Wer schreibt, der bleibt.
Für die Bildausarbeitung und Aufbereitung … z.B. für Ausstellungen oder für Illustrationen … verwende ich ein Scrap Book. Ich denke, darüber werde ich demnächst mal etwas schreiben, weil das ganz offensichtlich vollkommen in Vergessenheit geraten ist.
21. März 2010 at 10:56
Berni, klar, machen wir das mit der Widmung
Dann dauert zwar der Versand ein paar Tage länger, aber das ist es Wert *lach*