Nackt unterm Rock
Ich rede von Revolution und will die künstlerische Fotografie revolutionieren. Am Wochenende hatte ich einige Gespräche, die mir zeigten wie wenig Verständnis in der Fotoriege für mein Anliegen herrscht. Es ist doch so bequem das heute Verfügbare anzuwenden, weil auch mit wenig Aufwand Aufsehen erregt werden kann. Die Mehrzahl der Fotografen strebt heute nur noch nach dem kurzen Erregen von Aufsehen. In unserer Gesellschaft geht es sowieso nur noch um das Erregen von Aufsehen. Alles gleicht der Proklamation einer Frau, die öffentlich bekennt, unter ihrem Rock nackt zu sein. Nicht das süße Geheimnis, sondern das platte Bekenntnis soll das Lebensgefühl steigern.
Jeder muss selbst wissen, ob er sich in kurzfristiger Anerkennung wohl fühlt. Unbestritten, das Erregen von Aufsehen bringt schnelle Anerkennung … je provokanter vorgetragen, umso schneller. Aber das was schnell kommt, ist auch wieder schnell verschwunden. Somit begeben sich die Bequemen in die unbequeme Lage, dass sie beständig nachlegen müssen, wenn sie weiter Anerkennung ernten möchten. Dies dürfte der Schlüssel für das Gesellschaftsphänomen „schneller, höher, weiter“ sein. Einige Wenige brechen aus der Bequemlichkeit aus und quälen sich auf anderen Wegen zu Außergewöhnlichem. Das sind dann diejenigen, deren Namen lange im Gedächtnis bleiben und denen Anerkennung lange Zeit beschert wird. Und wenn dabei kein Slip unter dem Rock getragen wurde, ist das eine zusätzliche Würze der Erfolgsgeschichte.
Tags: Fotografie, Kunst, nackt unterm Rock, ohne Slip, Revolution
19. Juli 2010 at 09:43
Hm, ich vermute mal, dass auch dein Aufruf zur Revolution nicht ganz ohne Erregung von Aufsehen geschieht und das auch durchaus provokant, also womit legst Du nach?
Ich gebe auch zu Bedenken, dass der Weg der künstlerischen Fotografie möglicherweise bedingt sich erst mal mit einer Menge Basics zu beschäftigen, die Du schon lange hinter Dir hast. Nach eigener Aussage hast Du (ich vereinfache hier) bereits alles bereits auf mehrfache Art und Weise abgelichtet und suchst nach neuen Wegen. O.k., das wird vielleicht nicht jeder tun…
Um ganz kleinkariert zu werden, kann man wirklich von der Mehrzahl der Fotografierenden sprechen und wie definiert sich das Außergewöhnliche? Letzteres, denke ich, wird sehr stark von einer persönlichen Betrachtungsweise abhängen. Und warum ist die langfristige Anerkennung dem kurzfristigen Aufsehen vorzuziehen?
Wie immer – Fragen über Fragen
19. Juli 2010 at 10:48
Boris, ich sehe den revolutionären Gedanken ganz gewiß nicht ausschließlich auf die Polaroid-Kunst fixiert. Es ist eben mein Punkt, von dem ich zurzeit vollkommen “besetzt” bin. Klar, es wird einige Menschen geben, die sich davon “anstecken lassen” und ich freue mich sehr darüber. Denen will ich helfen und auch Tipps geben. Jedoch wäre es schaden, wenn es die einzigen Revolutionäre blieben.
Du zeigst auf Deinem Blog auch (aus meiner Sicht) Revolutionsfotografie, weil Du vom ewig schöngestrichenen weg gehst. Dein Bild der Treppe http://kulinarie.ch/wordpress/2010/upstairs-downstairs-you-decide/ finde ich hervorragend, klar und schön. Dabei ist es sichtbar befreit von den Gedanken des “welche Fotoregel muß mich jetzt noch beachten?”. Da fängt doch schon Revolution an, weil nicht einschlägige Regelwälzer das Bild diktieren.
Und auch Dein Suchen in der Menschenfotografie ist eindeutig (wieder aus meiner Sicht) mehr vom Revolutionär, als durch den Regelbefolger geprägt. Es dreht sich darum Neues zu probieren und dadurch seine Freiheiten zu finden. Wenn der Fotograf seine Freiheiten gefunden hat, dann wirkt sich das auf seine Werke und somit auch auf das aus, was er öffentlich zeigt. Ab es nun Kunst ist oder nicht, darüber haben wir in den letzten Monaten schon in epischer Breite philosophiert.
Und letztendlich gehört zu jeder Revolution das Erregen von Aufsehen …
20. Juli 2010 at 07:07
Ich habe für mich festgestellt, dass die schönsten Reize gerade im nicht-Expliziten liegen. Die Andeutung regt die Phantasie viel mehr an als das Erschlagen mit dem Expliziten. Aber vielleicht bin ich ja nur ein stiller Genießer, dem deshalb Deine Bilder so gut gefallen
)
20. Juli 2010 at 09:40
im troutschen ausruf der kunstrevolution sehe ich noch nichts aufsehen erregendes. das wort … die phrase ist nicht sein primäres medium. entscheidend ist, was er unter dem slogan der kunstrevolution “zu papier bringt” … welche taten folgen. nur daran kann er festgemacht werden …
20. Juli 2010 at 21:30
“Nicht das süße Geheimnis, sondern das platte Bekenntnis soll das Lebensgefühl steigern.” – schön geschrieben, Michael; wenngleich diese Aussage ihrer Trefflichkeit wegen auch nicht minder trostlos-deprimierend ist.
21. Juli 2010 at 08:21
Kampffussel, Taten werden folgen … mit Sicherheit. Aber es sind Taten-Bilder, ganz im Sinne der Revolution und Gedanken. Mehr kann ich nicht einbringen und nicht weniger. Phasen aber bestimmt nicht *zwinker*
Ulli, trostlos-deprimieren ist eine hervorragende Beschreibung dessen, was mich zum Revolutionsaufruf getrieben hat.
21. Juli 2010 at 09:25
@ trout: ich muss ehrlicherweise gestehen, dass ich keine phrasen von dir erwartet habe … sondern besagte taten. dein neuer beitrag hat die “vermutung” schon mal bestätigt …