Bewegung bewegt
Eine Revolution auszurufen ist die eine Sache – die Inhalte der Revolution zu erklären, die andere. Ich habe die Revolution in der künstlerischen Fotografie angezettelt, nun muss ich auch Inhalte erklären. Ein Thema ist die Bewegung. Der Doppelsinn dieser Aussage ist kaum zu überbieten. Eine Revolution ist immer eine Bewegung. Wenn es um Fotografie geht, also die Kunst des stehenden Bildes, ist das Einfangen von Bewegung schon etwas schwieriger. Eine der schwierigsten Aufgaben für einen Fotografen ist nach wie vor die Realisierung von Bewegungen in einem statischen Bild. Sicher hat jeder Fotograf bereits aus Zufall ein Bild mit Bewegungsunschärfen eingefangen. Dies jedoch geplant als Bildstil zu praktizieren, ist schwieriger als man glauben mag. Jetzt verbindet sich wohl die Revolution mit der „kleinen Fotoschule“.
In der Fotografie dreht sich alles um die richtige Belichtung. Moderne Kameras habe allerlei Einrichtungen, damit kein Fehler in der Belichtung vorkommen. Jede Kamera-Automatik ist darauf ausgelegt, ein scharfes, klares Bild auf das Abbildungsmedium zu bringen. Wenn Bewegung eingefangen werden soll, wird man sich demnach nicht auf die Automatik verlassen können. Mit einem Vorurteil müssen wir zudem aufräumen: Bewegungsunschärfen sind keine Belichtungsfehler! Ganz im Gegenteil. Es muss nur eine Belichtungseinstellung gefunden werden, die längere Verschlusszeiten bietet. Und vor einer weiteren Herausforderung steht der Fotograf … er muss eine Belichtungseinstellung finden, in der bewegte Bildbestandteile ihre Bewegungsspuren hinterlassen und ruhende Elemente ganz normal dargestellt werden. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Drei Überlegungen führen zum Ziel.
Zunächst muss der Fotograf die Szene des Bildes analysieren. Handelt es sich um horizontale, vertikale oder zentrische Bewegungen. Hier kommt Technik ins Spiel. In meinen Ausführungen möchte ich mich ausschließlich auf Kameras mit Schlitzverschluss konzentrieren. Zentralverschlüsse haben andere Eigenschaften. Diese hier auch noch abzuhandeln würde zu weit führen. Bleiben wir also bei Schlitzverschluss. Ich höre schon das Aufstöhnen. Aber wer hat denn gesagt, dass es ohne Technik geht? Wir kümmern uns nun um einen Bereich, den die Mehrzahl der Technikverliebten überhaupt nicht zu beachten scheint. Es gib horizontale und vertikale Schlitzverschlüsse. Das Wissen darüber, welcher Verschlusstyp in der Kamera eingebaut wurde, ist eine Grundvoraussetzung zur Planung des bewegungsunscharfen Bildes. Wer Bewegungsrichtungen in der Laufrichtung des Schlitzverschlusses fotografiert, hat schon einmal einen wichtigen Punkt der Bildplanung ins Auge gefasst. Dies dient einerseits der nachfolgend beschriebenen Festlegung der Verschlusszeit und außerdem findet der Fotograf so den richtigen Standpunkt zum bewegten Objekt. Der Kameraverschluss ist eine der wichtigsten Komponenten eines fotografischen Apparates und zuständig für die richtige Belichtung.
Der zweite Punkt mag vielleicht als der mysteriöseste angesehen werden. Schnelle Bewegungen eines Menschen werden ab der Verschlusszeit 1/125 absolut scharf eingefroren. Sogar 1/60 hat mit ein wenig Übung Einfrierpotential, wie auch 1/30. Den meisten Fotografen missglücken Aufnahmen mit langsamen Zeiten, weil sie die Kamera zu schnell herunter ziehen oder wie Elefanten im Sturmangriff auf den Auslöser hauen. Wichtigster Grundsatz: Alles ganz ruhig und sachte. Wer so arbeitet wird ab einer Verschlusszeit von 1/15 Bewegungsunschärfen bekommen. Aber auch das kann noch viel zu schnell sein. Deshalb gibt es eine feine Regel. Bewegungen in Richtung des Schlitzverschlusses = Verschlusszeit 3 Stufen verlängern; zentrische Bewegungen = 4 Stufen verlängern; Bewegungen entgegen der Richtung des Schlitzverschlusses = Verschlusszeit 5 Stufen verlängern. 3, 4, 5 … sehr leicht zu merken. Aber bitte sehr, die Blende muss natürlich ordentlich im richtigen Belichtungsverhältnis korrigiert werden. Schlampereien hierbei zerstören das Bild … darüber müssen wir an dieser Stelle wohl nicht mehr reden. Aber hallo, wenn man nun rechnet, dann könnte man nach der Belichtungsmessung bei 1/500 beginnen und käme zum Beispiel bei 1/125 heraus und nichts wäre gewonnen. Also bitte, immer bei der Verschlusszeit beginnen, die der Standardgeschwindigkeit des Objektes entspricht. Entsprechende Empfehlungen sind aus jeder guten Fachliteratur zu entnehmen. Mit einem Handbelichtungsmesser kann man in der Verschlusszeitkorrektur am besten arbeite. Wer das nicht hat, muss ein wenig rechnen oder gnadenlos im manuellen Modus der Kamera nach der richtigen Einstellung suchen. Versuch macht klug.
Um dem bewegungsunscharfen Bild die notwendige Perfektion mit auf den Weg zu geben, muss der Fotograf das Licht lesen. Nach Möglichkeit sollte auf die bewegten Bildteile reichlich Licht fallen und die statischen Bildbereiche, über die die Bewegung geht, sollten größtmöglichen Schatten bieten. Die Belichtung muss im Halbschatten durchgeführt werden … also im Übergangsbereich zwischen Hell und Dunkel. Es nutzt wenig, wenn man eine gewogene Belichtungsmessung vornimmt, um Schatten moderat aufzuhellen. Bewegung muss sich deutlich abzeichnen und das gelingt eben bestens, wenn sich helle Objekte auf dunklem Untergrund bewegen. Wie alles in der Fotografie ist das mal wieder keine eiserne Regel, aber es erleichtert die Sache doch ungemein. Und bei derartigen Aufnahmen darf kein Blitz eingesetzt werden, weil er unabhängig von der Verschlusszeit das Bild einfriert. Auf spezielle Blitzeinrichtungen zur Bewegungsdarstellung gehe ich hier nicht ein.
All diese Ratschläge klingen äußerst kryptisch. Wer sich jedoch anhand dieser drei Merkpunkte an die derartige Fotografie begibt, wird schnell den Dreh heraus haben. Dann ist es nur noch wichtig, ein passendes Sujet zu finden. Vor kurzer Zeit habe ich bewegungsunscharfe Bilder von Wiesenblumen im Wind gesehen und war vollauf begeistert. Es ist zwar nicht meine Art der Fotografie, aber die Bilder fand ich grandios. Also nur Mut, liebe Revolutionäre, die Zeit des hammerscharfen Bildes ist vorbei. Verleiht unserer Bewegung Bewegung!
Tags: Belichtung, Belichtungsmessung, Bewegungsunschärfe, Blende, Blitz, Fotografie, kleine Fotoschule, Planung, Revolution, Verschlusszeit
22. Juli 2010 at 09:30
Danke für die sehr präzisen Erklärungen, die bei mir doch noch ein paar Fragen offen lassen. Konkret geht es um die X-fache Verlängerung der Belichtungszeit, abhängig von der Bewegungsrichtung des Schlitzverschlusses:
Von welcher Zeit gehen wir da aus? Von der 15/Sekunde, die Bewegung erst zulässt – und dann nochmal verlängern? Dann wären wir mit einer 3-fachen Verlängerung schon bei 1/2 Sekunde.
Schon klar: die Zeiten richte sich nach der jeweiligen Situation und man muss jeweils selbst probieren. aber trotzdem muss man wissen, wovon man auszugehen hat. Vielleicht hast du da noch Aufklärung parat.
Nichtsdesto: ein spannendes Thema rund um die Bewegung. Davon ist eh viel zu wenig im bildhaften Leben zu sehen
22. Juli 2010 at 10:44
sehr fein erklärt … irgendwie war es genau das, woran ich bisher irgendwie gescheitert bin
22. Juli 2010 at 15:19
Danke für diese tolle Beschreibung. Meine Frage dazu hat golfiwang schon gestellt!
Analog habe ich mich noch nicht an Bewegung getraut. Das wird sicher noch. Aber Digital lässt sich einiges im manuellen Modus anstellen.
22. Juli 2010 at 15:32
OK, Michael schreibt es bereits: “Also bitte, immer bei der Verschlusszeit beginnen, die der Standardgeschwindigkeit des Objektes entspricht. Entsprechende Empfehlungen sind aus jeder guten Fachliteratur zu entnehmen.”
In dem Fall heißt es für uns: recherchieren, nachlesen und selbst probieren. Mea Culpa … das nächste Mal lese ich genauer.
22. Juli 2010 at 19:57
Die liebe Standardzeit.
Meines Wissens nach wurden Standardzeiten für bewegte Objekte erstmals in der deutschen Fotoliteratur 1897 tabellarisch aufgeführt. Deckel, München, ihr wisst schon das sind die mit COMPUR-Verschluss hat eine längere Zeit jedem Verschluß ein hübsch gefaltetes Merkblatt mit diesen Zeiten mitgegeben, wie auch Voigtländer usw. Dieser Service wurde Anfang der 1980 Jahre bei immer weniger Kameraherstellern und Schreibern von Bedienungsanleitungen “modern”. Schade, weil es Standardwissen sein müßte.
Egal.
Hier zwei Beispiele:
Menschliche Hand – normal schnelle Bewegung: 1/125 (Kleinbild/Schlitzverschluß)
Mensch in der Totale – gehend: 1/60 (Kleinbild/Schlitzverschluß)
Von diesen Zeiten herunter gerechnet, liegt man immer gut. Allerdings ist es keine Erfolgsgarantie. Mit jeder Kamera muß man da ein paar Proben machen, weil es auch noch eine Rolle spielt, ob es eine einäugige Spiegelreflex-, Messsucher- oder Sonstwie-Kamera ist.
Mein Blog-Artikel kann nur ein Anhaltspunkt sein. Ohne revolutionäres Bemühen in dieser Richtung geht es leider nicht … dafür gibt es zu viele unterschiedliche Kameramodelle. Leider? Ne, zum Glück *lach*
22. Juli 2010 at 22:10
Die Bewegung soll ja die ganze Filmfläche erreichen. Als muß man mindestens die Zeit wählen, wo der erste Vorhang zum Stillstand kommt und der zweite startet. Das ist die Blitzsynchronzeit. Alle Zeiten die länger sind, setzen die gesammte Filmfläche dem Licht aus und es kommt zu keinen unschönen Bewegungsabrissen im Bild. Flinke Lamellen oder Vorhänge sind im Vorteil da hier so schnell wie möglich die gesammte Filmfläche die Bewegung einfangen kann.
23. Juli 2010 at 07:03
Frank, bitte erkläre das mal genauer. Ich verstehe gerade nur Bahnhof.
23. Juli 2010 at 12:50
Meine Minolta hat einen Tuchverschluß der sich von rechts nach links die 36 mm Film entlang bewegt. Bei 1/60s Belichtungszeit gibt der erste Vorhang das Negativ nach und nach innerhalb 1/125s frei. Dann startet der zweite Vorhang und deckt das Negativ nach und nach innerhalb 1/125s wieder ab. Bei kürzeren Zeiten startet der zweite Vorhang noch bevor der Erste angekommen ist.
Die Bewegung ist aber die gesammte Zeit im gesammten Bild vorhanden. Durch die bei kurzen Zeiten streifenförmige Belichtung kann es zu ‘Bewegungsverzerrungen’ kommen.
Hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Schlitzverschluss
und hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Rolling-Shutter-Effekt
ist es gut erklärt.
Möchte man diesen Rolling-Shutter-Effekt ist ein Schlitzverschluß mit langsamen Tüchern gut. Sollen Bewegungen ohne Verzerrung komplett und fließend aufs Bild helfen flinke Lamellen wie z.B. von Nikon mit 1/250s Synchronzeit. Da ist dann schon nach 1/500s das gesammte Negativ dem Licht ausgesetzt.
23. Juli 2010 at 14:11
Frank, alles klar, jetzt weiß ich was gemeint ist.
Aber leider geht Dein Einwurf am Thema vorbei. Der Rolling-Shutter wirkt niemals bei verlängerten Belichtungszeiten in der hier besprochenen Abbildungsart. Und auch das Thema des 1. und 2. Verschlußvorhangs ist auf einen ganz speziellen Verschluß-Bautyp bezogen. Es gibt auch gänzlich anderen Modelle … bis hin zum Verzicht auf den zweiten Vorhang.
Bei den hier angesprochenen Bildern sind wir hauptsächlich in Belichtungsbereichen unterhalb von 1/60 unterwegs. Die Synchronzeit ist eigentlich schon viel zu schnell. Bei älteren Kameras (Blitzsynchro 1/30) liegt er aus Zufall so “lang”, weil das mit der damaligen Überexposition auf Basis der verwendeten Blitzbirnchen gut gepasst hat. Aber das ist jetzt eine andere Baustelle.
Also nochmals: Hier geht es um die verlängerte Belichtung … jedoch noch nicht um die Langzeitbelichtung. Hier soll absichtlich Bewegung im Bild einfließen. Nicht mehr, nicht weniger.
27. Juli 2010 at 18:27
Ich werd es versuchen…Digital…Analog….
Seit ich dich kenne, verstaubt der Blitz fast in der Tasche:-))
Ich bin dabei alles wieder schüssig zu machen:-)