Eine fotografische Spurensuche – Krieg als Vater der Fotografie


Die Zeit des 2. Weltkriegs wird in unterschiedlichen Quellen als die Kinderstube der guten und modernen Fotografie bezeichnet werden. Waren die Fotografien vor dem 2. Weltkrieg schlecht? Nein! Aber erst durch das furchtbare Wesen des letzten Weltkrieges wurde die Fotografie zu dem, was sie heute ist. Bevor wir aber voreilig auf die technische Revolution der Kleinbildtechnik verweisen, müssen wir Bildinhalte analysieren.

Gestaltungsregeln waren schon lange bekannt, aber ein gutes Bild muss eine eindeutige Aussage, mit geringen Interpretationsspielräumen haben. Genau das wurde zur prägenden Arbeitsweise der Fotografen im 2. Weltkrieg und gilt bis heute. Die Anfänge hierfür lagen wieder einmal in der Modefotografie.

Durch die Veröffentlichungen in „Vogue“, „Harper´s Bazaar“ und „Vanity Fair“ war die ideologisierende Wirkung der Fotografie seit langer Zeit bekannt. Kein schöner Land in dieser Zeit … und eine feine Melodie begleitet uns. Können Bilder lügen? Nein! Niemals! Der Pinsel eines Malers schon … aber eine Fotografie ist das Abbild der Realität, der Wahrheit. Eine Fotografin mit einem gigantischen Können, Leni Riefenstahl, schuf unvergleichliche Bildwerke in dieser Kunst anlässlich der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Es ist ein Paradoxum der Geschichte, dass das Abbild des Herrenmenschen nach den Regeln erstellt wurde, die von einem homosexuellen Juden (Baron de Meyer) für die Modewelt ersonnen wurden. Wie so vieles in der Nazi-Zeit, wurde auch die Fotografie auf Grundlagen derer aufgebaut, die man zu vernichten trachtete. Innerhalb von 5 Jahren entstanden zwei fotografische Großmächte, die Fotografie als Waffe einzusetzen wussten. Mögen die Bilder von Robert Capa noch so eindrucksvoll den Wahnsinn des Krieges zeigen, an den Heroendarstellungen ungenannter Fotografen der russischen und deutschen Fotofront können sie sich nicht messen. Warum? Weil das Elend zur Manipulation der Masse sich weniger gut eignet, als die sieghafte Pose. Abbildungen von Not und Elend machen betroffen, werden aber niemals einen jubelnden Aufschrei auslösen, wenn die Frage gestellt wird: „… wollt Ihr den totalen Krieg?“
Die wahre Perversion liegt jedoch in der Tatsache, dass deutsche wie auch russische Fotografen es verstanden, in Bildern das heldenhafte Sterben einzufangen. Nicht erst in dieser Zeit hat die Fotografie ihre Unschuld verloren, aber ihr wurde beigebracht, dass sie nur Mittel zum Zweck zu sein hat. Diesen Makel konnte die Fotografie niemals wieder abstreifen.

Es ist nicht mehr genau feststellbar, ob der 2. Weltkrieg die Geburtsstunde der wirklichen und zeitnahen Reportagefotografie war. Sicher ist aber, dass die großen Reisereporter, wie Egon Erwin Kisch, verstärkt unter Druck gerieten, weil dem reinen Text das darstellerische Moment des Bildes fehlte. Zwar wurde erst nach dem 2. Weltkrieg die Kombination von Wort und Bild in Zeitungen und Zeitschriften zur Regel, aber die Grundsteine der propagandistischen Reportage wurden eindeutig in der dunkelsten Zeit der jüngsten Geschichte gelegt. Heute ist kein Krieg mehr vorstellbar, in dem Bilder nicht als Waffe eingesetzt werden.

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7 Antworten zu “Eine fotografische Spurensuche – Krieg als Vater der Fotografie”

  1. golfiwang Sagt:

    Danke auch dafür! Wie immer superinteressant und ein guter Anstoß für weiteres Denken.

    Die Kriegsfotografie folgt (muss folgen) wie so ziemlich alles auf der Welt rein marktgerechten Richtlinien. Also: was verkauft, wird gezeigt – und in Folge reproduziert.

    In diesen Zeiten hatten die Staatsführungen verstärkt das Deutungsmonopol – und bestimmten dadurch, was gezeigt (= verkauft/reproduziert) wurde. Klar, dass der Führung (gerne im doppeldeutigen Sinn) sehr an Heldenposen gelegen war.

    Ob dadurch eine Form der Unschuld verloren ging? Vielleicht lässt sich diese Frage mit einer Gegenfrage beantworten: was ist unschuldige/schuldlose Fotografie?

  2. Michael K. Trout Sagt:

    golfiwang, bei meinen Recherchen war ich erschüttert, daß die analytische Aufbereitung des 2. Weltkrieges bezüglich Fotografie noch nicht sehr weit gediehen ist. Viel Literatur wird zurzeit erst erstellt. Ich habe also hier ein Thema aufgegriffen, das noch viel Bearbeitung bedarf.

    Schuld und Unschuld sind immer subjektive Betrachtungen, weil sie aus verschiedenen Richtungen verschieden ausgelegt werden können.
    Objektiv verliert aber eine Sache (hier die Fotografie) ihren Gut-Stand, wenn sie im Schlecht-Sinn eingesetzt wird. Das Leid der Fotografie ist einfach, daß sie medial nutzbar ist. Einerseits fördert das – andererseits kommt es zu dem Stand, den ich oben beschrieben habe.
    Rein wissenschaftlich ist meine obige Bemerkung nicht haltbar, das ist mir klar. Aber Fotografie ist in sich wiederum viel zu emotional, um als klares “links oder rechts” bewertet zu werden. Es schwingt eben Gefühl mit.

  3. aebby Sagt:

    @Michael: Zuerst ein dankeschön für die bemerkenswerten Gedanken. Die Parallele zur Modefotografie – faszinierend!

    @Golfiwang: Spannende Gedanken, nicht nur hier.

    und jetzt noch mein Senf dazu: Die vermeintliche Objektivität der Fotografie, die in Wirklichkeit eine getarnte Subjektivität ist, macht die Fotografie medial so wirkungsvoll – das ist aber erst einmal wertfrei. Erst mit der Frage der Motivation und Absicht des Veröffentliches stellt sich ggf. auch eine ethische Frage. Der erste Sündenfall ist dann der schlimmste. Wobei erst die Geschichte die Bewertung als “Sünde” vornimmt. 1936 wurde Leni Riefenstahl in der Öffentlichkeit sicher anders bewertet wie heute.

    Die Mächtigkeit der Bilder und die Brisanz der Bildveröffentlichung zeigt sich in den aktuellen Kriegen in besonderer Weise. Nicht umsonst gibt es in den USA inzwischen eine strikte Kennzeichnungspflicht für Bildveröffentlichungen, die letztendlich dazu dient anonym in Krisengebeiten aufgenommene Bilder zu unterdrücken, es wird nur veröffentlicht was der Ideologie dient.

    Kompliziert das ganze … grüße Aebby

  4. golfiwang Sagt:

    @ aebby
    Danke für den Riefenstahl-Einwurf. Klar wird die Frau heute komplett anders bewertet als sie früher wurde. Es ist ja nicht so, dass sie mit ihren Bildern das dritte Reich gegründet hätte. Sie hat aber zum Aufbau einer prägenden Ästhetik beigetragen. Wertfrei betrachtet, waren das auch spannende Darstellungen. Aus heutiger Sicht allerdings eher mit der Grillzange angegriffen.

    Interessanter Hinweis auf die Kennzeichnungspflicht in den USA. Klare Deutung, dass keine anonymen Abbildungen mehr gewünscht werden. Auch das ist ein Teil der Fotografie. Witzigerweise/traurigerweise kommt das den Wünschen des Großteils der Bevölkerung entgegen. Wer liest seinen Namen nicht gerne veröffentlicht, sollte ein Bild gezeigt werden?

    Die aktuelle Veröffentlichungsgeilheit kommt dieser Kontrolle ja förmlich entgegen.

  5. aebby Sagt:

    > Die aktuelle Veröffentlichungsgeilheit kommt
    > dieser Kontrolle ja förmlich entgegen.

    und dieser Geilheit wird mit massengeschmacks- bzw. ideologie kompatiblen Werken nachgekommen. Das kritische, die andere Sicht geht dabei beinahe unter. Faszinierend wie die Mechanismen ineinandergreifen, wie passende Puzzlestückchen.

    Noch was zu Riefenstahl. Heute ist es sogar so, dass einem Fotograf, der ähnliche Bildelemente verwendet sich schon fast dem “Nazi-Vorwurf” ausgesetzt sieht.

  6. Michael K. Trout Sagt:

    oh, das sind spannende Gedanken!

    Fotografie ist zunächst unschuldig und neutral. Erst die Verwendung gibt eine Richtung vor. Zudem kann sich Fotografie niemals von der Ideologie befreien, die zum Zeitpunkt der Präsentation herrscht.
    Eckpunkt und Fixgröße ist immer die Gesellschaftssituation zum Zeitpunkt der Präsentation UND der Angabe des Erstellungsdatum.
    Wenn ein Bild präsentiert wird, gibt es drei mögliche Richtungen. (1) das Bild entspricht der Ideologie; (2) das Bild widerspricht der Ideologie; (3) das Bild ist wertfrei.

    Die Klasse (3) trifft für die wenigsten Bilder zu.
    Die Klassen (1) und (2) sind Zeitzeugnisse.

    Jeder Betrachter wird seine eigene Beurteilung dessen erstellen, was er sieht oder zu sehen glaubt. Da Fotografie nur eine begrenzte Eigendynamik bezüglich Realitätsabwendung entwickeln kann (selbst in Montagen und Bildbearbeitungen ist der Spielraum begrenzt), sind Bildelemente immer auf den Zeitpunkt der Aufnahme bezogen und somit Abbildung der (zum Aufnahmezeitpunkt) aktuellen Ideologie. Fotografie kann sich demnach in den Klassen (1) und (2) niemals von Ideologie befreien. Sogar noch “schlimmer”: Fotografie löst sich in der Beurteilung der Betrachter vom Fotografen, wird interpretiert und dann erst als Interpretationsergebnis über den Fotografen “gestülpt”.

    Das mit der Namensangabe sehe ich jedoch etwas anders. Kennzeichnungspflicht haben wir in allen Lebensbereichen. Dazu kann man stehen wie man will und sie nutzen oder ablehnen wie man möchte. Viel interessanter ist doch der etwas hilflose Versuch, alles auf einen Urheber zurück zu führen. Nur die Ursuppe der zeitpunktbezogenen Ideologie oder Gesellschaftsstimmung bleibt ohne Kennzeichnungspflicht. Das ist doch ein beunruhigender Gedanke!

  7. Michael K. Trout» Blogarchiv » Die Verherrlichung des Menschen Sagt:

    [...] des Menschen ist in unserem Kulturkreis leider vorbelastet. War es doch die Untermauerung des nationalsozialistischen Machtanspruchs, der sich unter Anderem der Fotografie bediente. Bilder von Leni Riefenstahl wurden zur [...]

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